Rechtsanwalt Professor Dr. Hans Dahs: „Handbuch des Straf Verteidigers“; in Zusammenarbeit mit Rechtsanwalt Rudolf Güldenpfennig; Verlag Dr. Otto Schmidt, Köln-Marienburg 1969; 636 S., 2. Aufl., 78,– DM.

Der Strafverteidiger hat einen gefahrgeneigten Beruf. Wer ihn und sein Wirken im Zeitalter von Film und Fernsehgericht – und gelegentlich auch im lebendigen Gerichtssaal – nur „von außen“ miterlebt, kann nicht ermessen, welche Fülle von Konflikten und Versuchungen dieser so populäre Beruf in sich birgt. Zwischen einer ausgeschöpften, mit allen gesetzlich erlaubten Mitteln geführten anwaltlichen Verteidigung und einer verbotenen Begünstigung läuft nur ein schmaler Pfad. Diesen Pfad zu finden und auf ihm den Beschuldigten unbeirrt dem optimalen Ziel der Verteidigung zuzuführen, ist die Kunst des guten Verteidigers. Nur der anwaltliche Verteidiger von großer Erfahrung vermag die Gefahren und Verteidigungsmöglichkeiten erschöpfend zu erkennen. Doch auch er, nicht nur der weniger Erfahrene, wünscht sich einen zuverlässigen Kompaß, der in keiner noch so verwirrenden Landschaft versagt. Ihn hat Dahs zu seinem 65. Geburtstag allen, die am Wesen und Wirken des Strafverteidigers interessiert sind, mit seinem „Handbuch des Strafverteidigers“ in die Hände gelegt.

Ein solches Werk fehlte bisher. Gewiß sind in vielen Abhandlungen Stellung, Aufgaben, Möglichkeiten, Grenzen und Konflikte des Strafverteidigers unter diesem oder jenem Aspekt behandelt worden. So hat Hubert Schorn in seinem Werk Der Strafverteidiger – Ein Handbuch für die Praxis aus der Sicht des erfahrenen Richters das Bild des Strafverteidigers gezeichnet. Das Bild des anwaltlichen Verteidigers indessen mit allen Schattierungen der „Intimsphäre“ von Anwalt und Mandant, mit den psychologischen und standesrechtlichen Problemen des Beraters nach innen und außen und den spezifischen Konflikten des gewissenhaften Anwalts in seinem Verhältnis und seinem Verhalten zu allen Beteiligten im Strafprozeß konnte nur ein Rechtsanwalt und Strafverteidiger von größter, am eigenen Leibe gemachter Erfahrung zeichnen. Und wer anders als der Anwalt und Verteidiger, der das von dem Berufsgenossen gezeichnete Bild betrachtet, könnte besser ermessen, ob dieses Bild alle Züge trägt, die der Strafverteidiger in der lebendigen Praxis aufweist. Dahs hat dieses Bild in Zusammenarbeit mit Rudolf Güldenpfennig vollständig und meisterlich gestaltet, den Anwälten damit ein großartiges „Vorbild“ und allen anderen ein fesselndes Porträt des Strafverteidigers der Wirklichkeit gegeben,

Dahs kann aus dem vollen schöpfen. Vierzig Jahre anwaltlicher Berufserfahrung, Jahrzehnte der Erfahrung als Vorsitzender der Strafrechtsausschüsse von Bundesrechtsanwaltskammer und Deutschem Anwaltverein, als Mitglied des Vorstandes von Standesorganisationen und der ehemaligen Großen Strafrechtskommission, als Verteidiger in unzähligen Strafprozessen jeder Prägung gaben ihm das Augenmaß für das Richtige.

Das Handbuch, dessen erste Auflage bereits einen Monat nach dem Erscheinen vergriffen war und nunmehr in zweiter durchgesehener Auflage vorliegt, enthält sieben Hauptteile. In ihnen werden behandelt: die allgemeine Stellung des Verteidigers im Strafverfahren, seine Stellung zu den Beteiligten im Verfahren, seine Aufgaben in dessen einzelnen Abschnitten und schließlich seine Tätigkeit im Rahmen besonderer Erkenntnisverfahren und der Verfahrensabschnitte nach rechtskräftiger Verurteilung. Sogar dem solchermaßen noch nie behandelten Thema der Honorierung des Strafverteidigers ist ein umfassendes Kapitel gewidmet. Buchstäblich jede Lage, in die ein Verteidiger geraten kann, ist von Dahs erörtert und mit wertvollen Hinweisen und Ratschlägen bedacht worden. Hinzu kommen am Kopf eines jeden Abschnitts, der sich mit einem Teilthema befaßt, Literaturhinweise, während die Rechtsprechung in Fußnoten erwähnt wird. Außerdem ist ein ausführliches Schrifttumsverzeichnis angefügt. Weitgehende Aufgliederung Fettdruck von Schlagwörtern, Randziffern mit Verweisungen hinüber und herüber machen das Buch überaus handlich.

Eine Arbeit von Dahs über das Plädoyer war die Keimzelle dieses Handbuches. Um das Plädoyer gruppiert sich als Hauptstück des Buches das Erkenntnisverfahren mit all seinen Aufgaben für den Verteidiger. Darf der Verteidiger einen Angeklagten, dessen Schuld er kennt, als unschuldig hinstellen und Freispruch beantragen? Darf er tatenlos zusehen, wenn ein von ihm benannter Zeuge zugunsten des Angeklagten einen Meineid schwören will? Geht die Wahrheitspflicht des Rechtsanwalts als Organ der Rechtspflege so weit, daß er im Widerstreit von Rechten und Pflichten auch einmal zum Nachteil seines Mandanten handeln muß? Diese und zahllose andere „heiße Eisen“ faßt Dahs zum Nutzen des Lesers mutig an. Es bleibt keine Frage unbeantwortet. Das Handbuch ist so verständlich und eingängig geschrieben, daß auch Laien von der Lektüre gefesselt sein müssen.

Heinrich Ackermann