Zum zweitenmal in vierzehn Tagen ist es Ostberlin gelungen, die völkerrechtliche Anerkennung der DDR auch außerhalb des engeren kommunistischen Machtbereichs durchzusetzen. Nach dem Irak gab das hinterindische Königreich Kambodscha des Prinzen Sihanuk am Donnerstag voriger Woche bekannt, es werde die bisherige "Repräsentation" des SED-Regimes in Phnom Penh "in den Rang einer Botschaft erheben".

Da auch die Bundesrepublik diplomatische Beziehungen zu Kambodscha unterhält, tauchte in Bonn die Frage auf: Soll die schon arg zerzauste Hallstein-Doktrin, die diplomatische Beziehungen zu allen Staaten ausschließt, die Botschafter mit Ostberlin austauschen, noch einmal zur Anwendung kommen?

Bundesfinanzminister Strauß nannte den theoretisch möglichen Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Bonn und Phnom Penh eilfertig eine Torheit, wollte aber wirtschaftliche Sanktionen nicht ausschließen. Das Auswärtige Amt reagierte verärgert auf diesen Schnellschuß. Denn Bundesaußenminister Brandt will zunächst eine Kabinettsentscheidung über die angemessene Reaktion einholen, was der Bonner Währungsdisput bislang verhinderte. Bisher wurde nur der Botschafter aus Phnom Penh zur Berichterstattung zurückbeordert.

Die Hallstein-Doktrin, die Bonn nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zur Sowjetunion zum Schutz seines Alleinvertretungsanspruchs statuiert hatte, wurde zum erstenmal 1967 beim Botschafteraustausch mit Rumänien durchlöchert. Damals ersann das Auswärtige Amt die sogenannte "Geburtsfehlertheorie": Einem kommunistischen Staat, der seine Entstehung sowjetischem Willen verdankt, kann die Anerkennung Ostberlins nicht zum Vorwurf gemacht werden, weil sie ihm in der Regel von den Sowjets aufgedrängt wurde. Diese Theorie ließ sich spätestens dann nicht mehr halten, als Bonn 1968 mit Belgrad Botschafter austauschen wollte. Denn Tito hatte mit Stalin schon 1947 gebrochen – zehn Jahre, bevor er mit Ulbricht Gesandte austauschte.

Seither versuchte Bonn eine flexible Antwort auf die DDR-Anerkennung durch Drittstaaten zu entwickeln – wie es Außenminister Brandt letzthin formulierte: "Wir selbst entscheiden, was unsere Interessen erfordern. Wir stehen nicht unter dem Gesetz einer Automatik. Wir sind frei, darüber zu bestimmen, wie, wo und in welchem Umfang wir unsere Möglichkeiten der politischen, wirtschaftlichen, entwicklungspolitischen und kulturellen Beziehungen einsetzen."