Von Adolf Metzner

Plötzlich waren Millionen Menschen von der Dramatik eines Spiels gebannt, das bislang in ihrer Vorstellung nur als harmloses Freizeitvergnügen existierte. Aus dem lustigen Pingpong – Lautmalerei des aufspringenden Zelluloidbällchens – war über Nacht Tischtennis, ein unerbittliches Kampfspiel, ein faszinierender Sport geworden. Wahre Hexenmeister führten mit diesem "Biest von einem Ball" ihre Zaubertricks vor und fighteten oft bis zur psychischen Erschöpfung. Das alles hatten die Weltmeisterschaften in der Münchner Eissporthalle und das Fernsehen mit seiner Kameraführung getan. Hinzu kam natürlich das hervorragende Abschneiden der Deutschen. Der Held, mit dem man sich identifizieren konnte, der "für Deutschland spielte", war da. Eberhard Schöler erreichte, wenigstens für Tage, beinahe die Popularität eines Uwe Seeler.

Bisher galt ja die Meinung, Tischtennis sei eigens für Asiaten erfunden, weil schon seit vielen Jahren Chinesen und Japaner die Weltmeister stellten und auch die Koreaner, vor allem die nördlichen, sich auszeichneten. In Schanghai erlebte ich schon vor fünf Jahren einmal ein Tischtennisturnier mit unglaublicher Artistik und 10 000 Zuschauern. Aber in München wären am letzten Tag noch mehr gekommen, wenn die Halle auf dem Olympiagelände genügend Platz gehabt hätte. So waren es "nur" 6500. Während der gesamten Veranstaltung wurde die Zuschauerzahl eines großen Bundesliga-Fußballspiels überboten.

Warum manche Spiele plötzlich populär werden, andere dagegen ihren Glanz verlieren, ist ein noch nicht ganz geklärtes Kapitel der Sportpsychologie.

Das Schlagballspiel, einst in Deutschland, besonders im Turnerlager, weit verbreitet, ist heute fast verschwunden. In den USA dagegen hält es sich in der abgewandelten Form des Baseball immer noch, wenn auch eine Stagnation unverkennbar ist. Vielleicht bahnt sich dort ein ähnlicher Wandel an, wie ihn das verwandte Schlagball erlitt. Schon steht American Football, eine Abart des Rugby, an erster Stelle in der Publikumsgunst.

Der Versuch, "Soccer", also unser Fußball, mit Hilfe des Fernsehens in den Staaten populär zu machen, scheint vorläufig gescheitert. Kenner meinen, das letzte Wort sei hier noch nicht gesprochen. Im Westen, besonders in New York, setzt sich auch an den Schulen der runde Fußball gegenüber dem ovalen "Ei" immer mehr durch. Der Versuch mit zwei Profiligen und einer wilden Truppe von Ausländern mußte scheitern, da der Nachwuchs aus der Masse der eigenen Reihen kommen muß. Das Pyramidenbeispiel ist unabdingbar. Nur als zusätzliche Würze sind ein, zwei oder höchstens drei ausländische Ballartisten erlaubt. Sonst entsteht – l’art pour l’art – Fußball ohne echte Anteilnahme.

Rugby kann wiederum in Deutschland nicht Fuß fassen, während es in England und Frankreich sehr beliebt ist. Woran liegt das? Oft sind Vorurteile mit im Spiel. Wer je auch nur etwas Rugby gespielt hat, weiß, daß es ein faires Spiel und nicht so gefährlich wie Fußball ist. Aber die große Zahl der Laien gemahnt Rugby eben nur an eine Massenschlägerei und an weiter nichts.