Eine "Jahrhundert-Debatte" war es nicht. Die Experten führten das Wort, ab im Bundestag über die Strafrechtsreform verhandelt wurde, und die Laien hörten zu, falls sie es überhaupt für nötig erachteten, die Diskussion zu verfolgen. Die Abwesenden versäumten wenig; denn der Bundestag war nur noch die Ratifizierungmaschinerie für einen Kompromiß, der zuvor im Sonderausschuß ausgehandelt und von den Regierungsfraktionen gebilligt worden war.

Abänderungsanträge waren nicht mehr gefragt, ob sie nun von der FDP oder von der CSU kamen. So hatten die Freien Demokraten mit ihren Versuchen, die Gesetze im Sinne einer konsequenten Liberalisierung zu beeinflussen, kein Glück, obwohl viele Sozialdemokraten mit den FDP-Anträgen sympathisierten. Und ebensowenig vermochten sich die Konservativen in der CDU/CSU durchzusetzen; Richard Jäger, der das Zuchthaus retten wollte, erhielt zwar stattliche Unterstützung in seiner Fraktion, aber zur Mehrheit reichte es bei weitem nicht. Und Ex-Minister Wuermeling, der die Strafbarkeit der Ehebruchs erhalten wollte, fand ebenfalls nur einen schwachen Anhang.

Ein großer Wurf ist das neue Strafgesetz selbst nach den Worten seiner eigenen Schöpfer nicht. Immerhin stellt es einen beachtlichen Schritt in Richtung auf ein modernes Strafrecht dar – ein Strafrecht, das den Staat weitgehend von der Rolle des Moralwächters befreit, das ein humanisiertes Strafsystem einführt und besonders im Vollzug an dem Ziel der Resozialisierung orientiert ist. Diese Absichten sind zwar nicht rein verwirklicht; die FDP hat da in vielen Punkten mit ihrer Kritik recht. Aber die Reform bringt doch eine deutliche Verbesserung. Zur Begeisterung besteht kein Anlaß, Zufriedenheit über das Erreichte ist indessen erlaubt. R. Z.