Von Gottfried Sello

Spät ist die Stunde für Magritte gekommen. Jahrzehntelang hat man ihn einfach übersehen oder unterschätzt, als einen belgischen Vorstadtsurrealisten abgetan. Bei Haftmann ("Malerei im 20. Jahrhundert") kommt der Name nicht vor. Knaurs Lexikon (1955) konstatiert, daß der Gehalt seiner Bilder immer dürftiger werde.

Inzwischen jedoch hat der Surrealismus entschieden an Bedeutung gewonnen, als historisches Phänomen und in seiner aktuellen, undeutlich verwischten Form einer Phantastischen Kunst. Aber der generelle Trend reicht nicht aus, um den persönlichen, den sensationellen Erfolg von Magritte verständlich zu machen. Es wurden in den letzten Jahren so viele, wichtige Maler der ersten und zweiten surrealistischen Welle aus der Schublade, dem Keller, der Vergessenheit geholt, Richard Oelze, Victor Brauner, die Altmeister Picabia und Dominguez, Wifredo Lam und Matta, Bellmer. Sie alle haben es nur zu einem begrenzten Erfolg gebracht. Magrittes Malerei dagegen gehört (so Wieland Schmied) "zu den größten Wundern der Kunst dieses Jahrhunderts". Mir erscheint das maßlos übertrieben, aber ein Mann wie Wieland Schmied, der es nach fünf Jahren und enormen Schwierigkeiten endlich geschafft hat, das Werk von René Magritte zum erstenmal umfassend in Deutschland zu zeigen, kann sich Übertreibungen und Lobeshymnen erlauben.

Die Ausstellung war schon für 1964 angekündigt und mußte immer wieder verschoben werden. Erst kam die große amerikanische Wanderausstellung dazwischen. Als die Bilder nach Europa zurückkamen und im August 1967 in Rotterdam gezeigt wurden, starb Magritte, die Bilder gingen an die Leihgeber zurück. In diesem Jahr hat der britische Arts Council eine große Retrospektive für die Tate Gallery organisiert, die zur guten Hälfte von der Kestner-Gesellschaft übernommen und durch wichtige Bilder aus Privatbesitz ergänzt wurde (bis zum 8. Juni).

Genau hundert Arbeiten, einschließlich weniger Zeichnungen, sind in Hannover ausgestellt, die privaten Leihgeber überwiegen bei weitem die öffentlichen Museen, jeder Privatsammler, der auf sich hält, muß heute seinen Magritte besitzen.

Magritte ist kein Visionär, kein Träumer, kein Mann, der mit geschlossenen Augen eine innere Welt erblickt und aus irrationalen Tiefen Bilder ans Licht holt. Magritte denkt nicht daran, das Bewußtsein, wenn er malt, auszuschalten, seine Arbeit steht unter intellektueller Kontrolle. Wenn man ihn als Phantasten bezeichnet, dann ist er der Nüchternste und Kühlste unter den phantastischen Malern. Ein Surrealist ist Magritte, wenn man unter Surrealisten Leute versteht, die sich weigern, die Realität als einzige Norm und unveränderbares Faktum zu akzeptieren. Aber der Surrealismus ist nicht so eindeutig auf das Überwirkliche, das Übernatürliche ausgerichtet, auch nicht der klassische Pariser Surrealismus, dem Magritte in den späten zwanziger Jahren angehört hat. Es gab zwei Richtungen, zwei Flügel, die Trennung geht durch die ganze surrealistische Bewegung, sie wird jedesmal manifest, wenn surrealistische Kunst sich neu artikuliert, einen rechten und einen linken Flügel oder, um keine irritierenden politischen Analogien zu berufen, einen romantischen und einen rationalen.

Die Romantiker glauben an die Allgewalt des Traums, der dem Menschen alle seine Rechte auf Freiheit gewährt, an psychischen Automatismus, sie vertrauen dem Zufall als kreativem Prinzip, entziehen sich der Kontrolle der Vernunft, "wenn die Vernunft schläft, singen die Sirenen".