ARD, Freitag, 9. Mai: Tagesschau

Gäbe es in Schwaben Kneipen – man könnte die Gaststätte, in der ich am Abend des 9. Mai (eines eher schwarz getönten Freitags) die Tagesschau sah, als solche bezeichnen. Männer in blauen Kitteln, Mohler (wie man die Umzugsgehilfen hier nennt), Weingärtner und Handwerker saßen beisammen, blickten auf die Scheibe und hörten sich an, was ihnen die Auguren aus Hamburg und Bonn über die für alle Ewigkeit verhinderte Aufwertung sagten.

Ich beobachtete die Gesichter... es hätte der anschließenden Diskussion nicht bedurft, um zu erkennen, daß niemand wußte, was Aufwertung sei, und daß jedermann fürchtete, es könnte Aufwertung kommen... etwas Schreckliches, das mit Inflation und einer Bedrohung der Währung, mit allgemeiner Unsicherheit und der Gefährdung des gesparten Geldes zusammenhängen müsse. Aufklärung also wäre vonnöten gewesen, an diesem Abend und schon lange davor, eine durch Graphiken unterstützte und an Hand von Beispielen erläuterte Unterrichtung über die Gesetze der Revalvation, über Austauschverhältnisse, Einfuhrverteuerungen und Exportschwemmen.

Die Unmündigen ins Bild zu setzen in dieser dreißig Minuten umfassenden Tagesschau... das hätte das erste Gebot für Journalisten sein müssen, die um ihre Verantwortung wissen.

Aber nichts dergleichen geschah. Statt zu belehren, teilte man – auf der Grundlage eines postulierten Verständnisses – Tatsachen mit. Statt zu analysieren, schüchterte man mit Hilfe der Augurensprache ein... so souverän und selbstverständlich-kenntnisreich, daß den Betrachtern am Bildschirm (und gewiß nicht allein den Weingärtnern und Möblern aus Schwaben) der Mut verging, ihre Ignoranz zu bekennen und schlichtweg zu fragen, was es denn nun eigentlich mit dieser schlimmen Aufwertung sei.

Die Kommentatoren machten sich’s leicht, sprachen mit schnellem Mund von flankierenden Maßnahmen, die zu ergreifen seien in der kommenden Woche... und leichter noch machten es sich die Herren Reporter, sie fragten immer dasselbe und hörten immer dasselbe, meinen Sie, daß heute noch eine Entscheidung fällt? Ja, ich glaube, daß heute noch eine Entscheidung fällt. Die rasten neben den Ministern einher, ließen Allerweltssätze in ihre Membranen einströmen, das Kabinett tagt um drei, wir werden das Problem von allen Seiten beleuchten, waren morgens um acht schon dabei, standen nach dem Mittagsschläfchen auf Posten und bedankten sich artig: Gute Verrichtung, Herr Präsident, sagte Herr Lueg zu Herrn Blessing – auf diese Weise, zur Freude der Möbler, eine Verbindung zwischen Schaumburg und Scheißhaus imaginierend.

Das alles war kein Spaß, das alles trug nicht zur Belehrung bei. Untertanen wurden nicht über ihre eigene Sache, sondern über die fernen Geschäfte der Großen informiert. Sie nahmen zur Kenntnis, was ihnen Arbeitgebervereinigung und Bauernverband als nützlich empfahlen.

Politik als Mystizismus und Fatalität; Augurengerede über ein Reizwort; Verachtung der Dummen, denen man einredet, sie hätten eine Wahl bei der Wahl. Momos