Jeder zehnte leidet an psychogenen Krankheiten – Neue Heilverfahren gegen Neurosen – Psychotherapie-Woche in Lindau

Von Bernd Nitzschke

Emil Kraepelin, der Begründer der experimentellen klinischen Psychologie, klagte vor siebzig Jahren über einen Zustand, der sich, polemisch formuliert, bis heute nicht wesentlich geändert hat: "Fast jeder Lehrer der Psychiatrie hält sich ohne weiteres für berechtigt, fast möchte man meinen, verpflichtet, sich zunächst ein eigenes psychologisches Lehrgebäude zurechtzuzimmern, auf Grund roher Beobachtungen an Kranken und Tieren oder allenfalls einiger literarischer Studien. Welches Lehrbuch der Inneren Medizin aber würde es wagen, etwa ein neues System der Physiologie zu verkünden, welches nicht im Laboratorium mühsam erarbeitet worden wäre?"

Obwohl die Grundzüge des Lernens seit etwa vierzig. Jahren an Tausenden von Tierexperimenten systematisch erforscht und seit etwa zehn Jahren auf die Therapie menschlichen Fehlverhaltens erfolgreich angewandt worden sind, hat sich die Kenntnis dieser Mechanismen in der psychiatrischen Praxis in Deutschland bisher nur wenig durchgesetzt. Noch immer herrscht eine verwirrende Vielfalt therapeutischer Methoden, deren Erfolge oft von der "intuitiven Persönlichkeit" des Psychiaters abhängen.

Die Anwendung der Prinzipien der Lerntheorie – zum Beispiel auf die Behandlung psychischer Krankheiten, kurz Verhaltenstherapie genannt – zeigt nach Meinung des bekannten amerikanischen Klinikers Shapiro einen Durchbruch an, "der sich als das psychologische Äquivalent der Erfindung der Dampfmaschine erweisen könnte". Zum erstenmal ist es möglich, in der Psychotherapie in vollem Umfang Methoden anzuwenden, die auf exakten Experimenten beruhen, jederzeit nachprüfbar sind und genaue Vorhersagen erlauben.

Wie der Internist nicht ohne die Kenntnisse der experimentell arbeitenden Physiologie auskommt, will er den Kranken erfolgreich heilen, so wird in Zukunft der Psychiater nicht mehr auf die Kenntnisse der experimentell arbeitenden Psychologie, insbesondere auf die der Lernforschung, verzichten können. Neurotisches Verhalten, so glauben die Lerntheoretiker, gestützt auf Untersuchungen an Tier und Mensch, wird vom Kranken grundsätzlich nicht anders erworben als "normales", sozialadäquates Verhalten vom Gesunden: auf dem Wege des Lernens. Also, so folgern sie, muß falsch Gelerntes, krankhaftes Verhalten umgelernt werden können, was gleichbedeutend mit der Heilung sei.

Ratte mit Geräusch