Von Hans Peter Bull

Gute Richter und schlechtes Recht sind für ein Volk unendlich viel besser als gutes Recht und schlechte Richter." Diesen Satz von Fritz Pringsheim aus dem Jahre 1947. sollte sich vor Augen halten, wer heute über Rechtsreformen spricht. Es ist wichtig, veraltete Gesetze ausdrücklich der Verfassung anzupassen; es ist wichtiger, den Geist der Verfassung in der Richterschaft zu verbreiten. Wer will, daß die Rechtsprechung den Anforderungen der Zeit gerecht werde, muß sich um das Personal der Justiz kümmern. So ist die Frage, wie Juristen ausgebildet werden, von entscheidender Bedeutung für Inhalt und Form der Rechtsprechung von heute und morgen.

Juristenausbildung ist aber auch aus anderen Gründen ein Politikum: "Wie zum Staat Hegelscher Phantasie und Wilhelminischer Realität die Beamten, so gehören zum Rechtsstaat die Juristen als allgemeiner Stand", schreibt Ralf Dahrendorf in seiner Analyse der deutschen Gesellschaft. Er hält die deutsche "politische Klasse" "in zentralen Elementen" für eine Elite von Juristen. Tatsächlich sind nur rund 14 000 Juristen als Richter und Staatsanwälte und 21 000 als Rechtsanwälte im engeren Bereich der Justiz tätig. Die Zahlen der Verwaltungs- und Wirtschaftsjuristen lassen sich nicht exakt ermitteln; es handelt sich jedenfalls um Gruppen von ähnlicher Größe, also jeweils um die 20 000, wobei noch viele Manager in Unternehmen und Verbänden unberücksichtigt bleiben, die juristisch ausgebildet sind, aber keine juristische Tätigkeit ausüben.

Juristen haben in besonders hohem Maße Anteil an den Spitzenstellungen in Staat und Gesellschaft; Dahrendorf hat sogar die These aufgestellt: "Je wichtiger die Führungspostionen sind, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß sie von einem Juristen besetzt werden."

Schon lange gibt es eine Opposition gegen dieses "Juristenmonopol". In der Tat ist ja schwer einzusehen, warum Leute, die zwar das Recht, nicht aber die Sachprobleme studiert haben, auf allen möglichen Spezialgebieten führende Positionen einnehmen sollen. Doch scheint gerade das "unspezifische Interesse" für die wichtigsten Stellen zu qualifizieren oder wie Dahrendorf sagt: "gerade weil der Student der Jurisprudenz sich fachlich nicht festgelegt hat, kann er zum Experten für das Allgemeine, zum Mann an der Spitze werden." Die Kritik ist durch diese Beobachtung aber nicht beschwichtigt worden. Juristen selbst beklagen immer wieder die Einseitigkeit ihrer Ausbildung, die zu stark rechtsdogmatisch ausgerichtet ist und zuwenig die soziale Wirklichkeit behandelt.

In einer Welt, die stets und überall auf Wissenschaft angewiesen ist, kann der Jurist sich die nötige Tatsachenkenntnis nicht mehr durch bloße Anschauung und zufällig gewonnene Erfahrung sichern, und die Abhängigkeit vom Sachverständigen könnte schließlich dazu führen, daß der Jurist überflüssig wird. Daß der das Recht interpretierende Dogmatiker eine umfassende Vorbildung benötigt, hat schon Leibniz in einem Studienreformplan von 1667 betont. Ein junger Richter behauptete 1968: "Die akademische Lehrmethode der deutschen rechtswissenschaftlichen Fakultäten ist ein Hindernis für die Wahrheit." Er kam deshalb in einer Kritik am Gerichtsverfahren zu dem Schluß: "Die Parteien werden durch einen Anschein von Wissenschaftlichkeit darüber betrogen, daß es die Richter gar nicht interessiert, was durch ihr Urteil mit der Wahrheit und dem Recht geschieht." Gewiß eine Übertreibung – aber die Unzufriedenheit mit dem vorwissenschaftlichen Zustand der Jurisprudenz wird von vielen Juristen geteilt.