Ein Ludwig Thoma hätte in den letzten Tagen reichlich Gelegenheit gehabt, das Menschliche in der Bonner Politik in neuen Filser-Briefen zu beschreiben. Die ständigen Äußerungen der Bonner Prominenz zur umstrittenen Aufwertung der Deutschen Mark boten ein treffliches Bild der schier unentwirrbaren Verflechtung von sachlichen, parteipolitischen und persönlichen Beweggründen ihres Verhaltens.

Aufwerten oder nicht aufwerten – das stand im Mittelpunkt der Bonner Diskussionen. Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger versuchte in der Kabinettssitzung vom Mittwoch vergangener Woche vergeblich, seine Minister zum Schweigen über dieses Thema zu bewegen. Die Flucht in die Mark, zu der sich immer mehr Ausländer entschlossen, machte Kanzler und Minister nervös. Die Ereignisse überstürzten sich. Die Währungsspekulation machte einen Strich durch die Terminkalender.

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Vor Wochen hatten Bundeswirtschaftsminister Karl Schiller und Bundesfinanzminister Franz Josef Strauß zugesagt, an einem Empfang teilzunehmen, den Verleger Gerd Bucerius aus Anlaß des zwanzigjährigen Wiedererscheinens des "Volkswirt" am Donnerstag vergangener Woche gab. Bis kurz vor Beginn schien alles wie vorgesehen zu laufen. Die Deutsche Presseagentur meldete, daß die beiden Minister nicht an einer Sitzung des Zentralbankrats in Frankfurt teilnehmen würden, die zur gleichen Stunde angesetzt war.

Kurz vor zehn Uhr sagte Schiller dann doch ab und flog mit seinem Staatssekretär Johann Baptist Schöllhorn überraschend nach Frankfurt. Im hellbraunen Anzug erschien auf dem Empfang im Tulpenfeld-Restaurant Klaus-Dieter Arndt, Schillers parlamentarischer Staatssekretär, um die Glückwünsche des Ministers zu überbringen. Ihm war keine Zeit geblieben, sich umzuziehen. Während Schiller in Frankfurt dem Zentralbankrat die angeblich beabsichtigte Erhöhung der Mindestreserven ausredete, gab Arndt seiner Freude darüber Ausdruck, daß "Der Volkswirt" mit ihm in der konjunkturpolitischen Grundkonzeption einer Meinung sei.

Korrekt gekleidet, aber mit anderthalbstündiger Verspätung eilte Strauß herbei, einen Aktenberg unter den Arm geklemmt. Ein großes Bier, nach dem er heftig verlangt hatte, ließ ihn dann des Tages Unrast vergessen. Vor den 150 Gästen erzählte Strauß in launiger Art, daß vor einigen Jahren, kurz nach seinem Rücktritt als Verteidigungsminister, der verstorbene Volkswirt-Verleger und IG-Farben-Entflechter Franz Reuter ihn beschworen habe, Finanzminister zu werden, um die Staatsfinanzen in Ordnung zu bringen. Auf den Stil seiner öffentlichen Äußerungen zur Preisstabilität und Aufwertung angesprochen, meinte Strauß: "Sie kennen mich immer noch nicht; man kann die Politik durchaus emotional vortragen, aber man muß sie ohne Emotionen entscheiden. Ich stelle die Stabilität deswegen so in den Vordergrund, weil ich angesichts der steigenden Steuereinnahmen Her Begehrlichkeit der Interessengruppen vorbeugen, will."

Aus seinen Andeutungen entnahmen. die Zuhörer, daß Strauß nach wie vor Gegner einer einseitigen Aufwertung der Mark war. Er wies auf die Gewinne der Währungsspekulanten bei einer Aufwertung hin: "Wir werden denen die Suppe gründlich versalzen." Das deutete auf die Einführung der Devisenzwangswirtschaft hin.