chk., Bonn, im Mai

Den Nürnberger SPD-Parteitag im März 1968 verließ er mit Aplomb, weil Willy Brandt von einer "Anerkennung beziehungsweise Respektierung" der Oder-Neiße-Linie gesprochen hatte. Über die Entschließungen zur Ostpolitik, auf die sich der Godesberger SPD-Parteitag vor einem Monat geeinigt hatte, äußerte er sich hingegen befriedigt. Ende letzter Woche jedoch zeigte er sich von einem Gespräch mit Bundeskanzler Kiesinger tief beeindruckt. Reinhold Rehs, Präsident des Bundes der Vertriebenen und sozialdemokratischer Bundestagsabgeordneter seit 1953, war zum Wanderer zwischen den beiden großen Parteien geworden. Daß seine Wanderung ihn schließlich zur CDU führte, hat in Bonn kaum noch überrascht.

Der politische Konflikt zwischen Rehs und seiner alten Partei schwelte spätestens seit Nürnberg. Trotz aller persönlichen Bemühungen, eine Brücke zu schlagen, konnte der Gegensatz nicht überwunden werden, auch nicht durch die Versuche des SPD-Vorstands, Rehs auf einer der Landeslisten für die Bundestagswahl noch einen aussichtsreichen Platz zu sichern. In Nordrhein-Westfalen gelang dies ebensowenig wie vorher in Niedersachsen und in Schleswig-Holstein.

Das Wahljahr gibt dem Übertritt des enttäuschten Präsidenten des Vertriebenenverbandes besondere Bedeutung. Ob er die Wähler, vor allem die Vertriebenen, so beeindrucken wird, wie es die CDU glaubt und die SPD fürchtet, ist freilich zweifelhaft.