Von Alois Küppers

In den Warschauer Straßen sieht man in die-

sem Frühling viel Rot. Es sind aber nicht die Fahnen des Sozialismus, deren Farbe in die Augenspringt, sondern rote Lackstiefel, neuester Plötzlich froher Modeartikel an der Weichsel. Plötzlich tauchten sie auf, zusammen mit den übergroßen Sonnenbrillen, den Tressen und Spitzen auf Hemden und Blusen, den werden und Schnörkeln. ihre Röcke der Teenager werden immer kürzer, ihre Lederstiefel immer höher. Plastikplaketten zieren Knopflöcher und Pullover und verkünden ein Losung Love me oder einfach Great Namen ein allgemeineres Return again oder den Namen einer übersetzt polnischen Beat-Gruppe No to co, was übersetzt der so schwer zu beantwortenden, herausfordernden darauf "Na und?" gleichkommt. dergewählte hat darauf selbst der im April wie-Warschauer Sekretär der Parteiorganisation im Warschauer Schriftstellerverband, Putrament, der im Parteiorgan Trybuna Ludu schrieb, er finde die bis über das Knie rechenden Lederstiefel "idiotisch". Gegen Jugendmode habe er ja gar nichts, aber ob diese jetzt in der Presse geförderte Neuentdeckung der rechte Weg sei, die Heranwachsenden für den Sozialismus zu erziehen, das Tatsächlich er.

Tatsächlich erlebt die polnische Hauptstadt derzeit unter ihren 16–26jährigen die verspätete Invasion westlicher Jugendmode, zunächst von privaten Geschäftsleuten kopiert und den eigenen Möglichkeiten angepaßt. Nun will auch die staatliche Bekleidungsindustrie nicht länger zurückstehen und ihren style der Tatsache anpassen, daß fast die Hälfte der Bevölkerung unter dreißig Jahre alt ist. Über die ideologische Gefährlichkeit des aus dem Westen importierten sogenannten Geschmacks unserer Zeit gehen die Meinungen auseinander. Die einen fürchten, daß mit dieser fashion auch eine gewisse Playboy-Mentalität sich breitmachen könnte, während andere die Ventilfunktion bedenken und davon ausgehen mögen, es sei besser, die Jugendlichen paradierten mit eigenen Mode-Ideen auf der Straße als mit politischen Transparenten, wie es im März vergangenen Jahres geschah.

So wird im Zentrum der Stadt, in einem der Hochhäuser gegenüber dem Kulturpalast, in diesem Sommer ein erstes Kaufhaus ,,Junior" eröffnet. Aber im Gegensatz zu den westlichen Ländern stellen die Jugendlichen in Polen keinen wirtschaftlichen Faktor des Konsums dar. Zwar lieben die Warschauer vielleicht mehr noch als andere Hauptstädter alles, was modisch ist, aber der Monatslohn setzt dem Snobismus, sich von der Masse zu unterscheiden, enge Grenzen.

Auch auf und Plakatsäulen zeigen sich in Pop-Farben und Jugendstil-Ornamenten zaghafte Anlehnungen an die moderne westliche Werbegraphik. Aber die so Angesprochenen haben in den meisten Fällen nicht die 50 bis 120 Zloty Eintritt übrig für die Gastspiele der oder Juliette Chanson-Stars Mireille Matthieu oder Juliette Greco. Der polnisch-französische Kulturaustausch nimmt zehn Monate nach dem Anmarsch in die Tschechoslowakei seinen neuen Anlauf mit ungleichem Gewicht. Der polnische Paris, turminister Motyka reiste Ende April nach Paris, wo eine Ausstellung "Tausend Jahre Kunst in Kunst eröffnet wurde, die Objekte der sakralen Kunst aus dem 11.–16. Jahrhundert zeigt, Glasfenster aus dem Dominikaner-Kloster in Krakau und polnische aus dem 17. Jahrhundert. Eine zweite polnische Ausstellung in Paris ist der zeitgenössischen polnischen Malerei gewidmet.

In Warschau war die Kultur des Auslandes im schen vor allem durch das Gastspiel der Komischen Oper mit Ostberlin präsent, die im Operet-Offenbachs mit Felsensteins Inszenierung von Offenbachs "Ritter Giovanni und dem "Barbier von Sevilla" von Giovanni Paisiello einen großen Erfolg verbuchen konnte. ,,Wo findet dieses deutsche Theater so viele talentierte Künstler" fragte verwundert der Kritiker der weitverbreiteten Warschauer Zeitung Zycie Warszawy und sprach die Hoffnung aus, daß die großartigen Realisatoren dieser Bühne Gelegenheit haben werden, in einer der Premieren der großen Warschauer Oper ihre Fähigkeiten vorzustellen.