Von Bernhard Grzimek

Seit sechs Jahren hatte Francis Gonsole in Tansania (Afrika) bei mir gearbeitet. Seine Frau lebt weit weg auf dem kleinen Hof seiner Eltern in der Nähe von Kisumu in Kenya. Jedes Jahr einmal fuhr er auf großen Umwegen mit Omnibussen zur Ernte nach Hause. Inzwischen hat seine Frau drei Kinder geboren.

Als ich diesmal nach Afrika zurückkam, empfing mich sein jüngerer Bruder Solomon, der noch nicht zwanzig Jahre alt ist – ein schlank gewachsener, gutaussehender Jüngling, der außer seiner Muttersprache Suaheli spricht und englisch recht gut schreiben und lesen kann. Weil er so nett, bescheiden und lernbegierig ist und ausgesprochen gut aussieht, fragte ich ihn im Scherz, wieviel Freundinnen er denn in Arusha hätte. Dabei kam mancherlei heraus.

Solomon war vom letzten April bis zum 28. Juni zu Hause bei seinen Eltern. Mitte Mai hat er dort ein siebzehnjähriges Mädchen kennengelernt, das noch eine Internatsschule besucht. Jetzt, vor ein paar Tagen, haben ihm seine Eltern geschrieben, daß dieses Mädchen namens Mary eine kleine Tochter geboren hat.

Solomon weiß nicht, was er tun soll. Er wollte erst mit 24 Jahren heiraten. Während er mir seine Ratlosigkeit darlegt, muß er sich immer wieder mit dem Taschentuch schnauzen, und schließlich kommen dem dunklen jungen Mann die Tränen in die Augen. Solomon hat zwölf Geschwister; zwei weitere sind gestorben. Die Familie besitzt ganze acht Hektar Land und 25 Kühe. Sein Vater, Peter Gonsole, ist "Reverend", Geistlicher einer amerikanischen Sekte, also ein angesehener, beliebter und liebenswürdiger Mann von jetzt sechzig Jahren, wie mir sein Sohn darlegt. Land hinzuzukaufen ist nicht möglich: ein Hektar kostet 300 Schilling (180 Mark). Arbeit ist in Kenya nicht zu bekommen, deswegen arbeiten Solomon und mehrere seiner Geschwister in Tansania. Hier darf aber ein Kenya-Bürger nur gering bezahlte Posten annehmen.

Wenn Solomon seine Mary heiratet, die ihm nach knapp achtmonatiger Schwangerschaft ein Kind geboren hat, so bedeutet das hohe Schulden für ihn. Ein Bräutigam hat in seiner Gegend den Eltern seiner Frau drei Stück Vieh und 1000 Schilling "Mitgift" zu zahlen. Ein Rind kostet je nach Größe 120 bis 300 Schilling. War das Mädchen aber auf der Schule und hat sogar, wie Solomons Braut, eine höhere Schule besucht, so haben ihre Eltern bei der Heirat fünf bis sechs Kühe und 2000 Schilling zu bekommen, denn sie haben ja schließlich für die Bildung ihrer Tochter viel Geld aufbringen müssen. Mary mußte wegen der Schwangerschaft die Schule vorzeitig verlassen. Allerdings brauchen junge Ehepaare sich mit der Bezahlung an die Schwiegereltern nicht gar zu sehr zu beeilen. Solomons Vater hat erst unlängst, nach fünfundzwanzigjähriger Ehe, die letzte Rate bezahlt.

In der Zeitung hat Solomon gelesen, daß ein junger Mann für ein uneheliches Kind an die Mutter monatlich 200 Schilling zu zahlen hat. Er selbst verdient zur Zeit 160 Schilling im Monat, bei freier Wohnung ohne Essen. Nach afrikanischem Brauch könnte er auch das Kind übernehmen, ohne die Mutter zu heiraten. Dann müßte er für seine Tochter ein Rind bezahlen. Aber dann würde die Mutter Mary jede Aussicht verlieren, einmal einen anderen Mann heiraten zu können. Da außerdem Solomons Vater Priester ist und Marys Vater Diakon in der katholischen Kirche, da also beide Familien sehr angesehen sind, kommt diese Lösung ohnehin nicht in Frage.