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Von Beate Paulus

Solschenizyns Romane werden in der Bundesrepublik gedruckt und erreichen hohe Auflagezahlen, Pasternaks "Doktor Schiwago" zählte zu den Bestsellern, Bulgakows "Hundeherz" erschien vor kurzem in deutscher Sprache – damit nannte ich meinen russischen Gesprächspartnern einige Werke russischer Schriftsteller, die zur Zeit in der Bundesrepublik gelesen werden. Diesen Büchern ist eines gemein: in sowjetischen Buchhandlungen sucht man sie vergebens. Was aber lesen die Russen?

Solschenizyn gehört auch bei uns zu den bekanntesten Schriftstellern, wenn auch mehr seine Person, sein "Fall". Seine Bücher kennen nur wenige – abgesehen (natürlich) von "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch", das im November 1962 im "Nowy Mir" veröffentlicht wurde und kurz darauf als Buch erschien. Bei dieser einmaligen Auflage blieb es allerdings. Kein Verlag würde unter heutigen Umständen wagen, es wieder aufzulegen. Ähnlich erging es in jenen Jahren Dudinzews Roman "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein". Fragen Sie in einer Buchhandlung danach, es existiert nicht, dieses Buch gibt es einfach nicht.

"Njet" wird Ihnen auch geantwortet, wenn Sie Bücher von Dostojewskij verlangen. Mit sehr viel Glück kann man vielleicht noch das eine oder andere bekommen. Aber es ist schwierig. Die letzte Ausgabe seiner Werke erschien zu seinem 75. Todestag, im Februar 1956, in einer Auflage von 300 000 Exemplaren, die innerhalb weniger Tage vergriffen waren. Ich würde behaupten, Dostojewskij ist zur Zeit der meistgelesene Schriftsteller in der Sowjetunion, vor allem bei der Jugend. Die jungen Leute kennen seine Werke in- und auswendig.

Überhaupt sind die Klassiker des 19. Jahrhunderts noch sehr lebendig. Sie werden gelesen. Auch Puschkin gehört nach wie vor zu den bekanntesten und beliebtesten Autoren.

Und Majakowskij?

Majakowskij ist in den Schulen Pflichtlektüre. Darüber hinaus wird er nur wenig gelesen. Besonders jungen Leuten ist er zu fremd. Sie verstehen ihn nicht, sie verstehen die Zeit nicht mehr, in der er lebte und schrieb. Er ist ihnen gleichgültig.

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Ich fragte nach Schriftstellern des westlichen Auslands, die in der Sowjetunion gelesen werden.

Da ist vielleicht als erster Hemingway zu nennen. Seine Bücher sind – soviel ich weiß – alle ins Russische übersetzt. Und dann noch Faulkner. Diese zwei Amerikaner sind bei uns sehr beliebt. Von den westdeutschen Autoren ist Heinrich Böll der bekannteste. Einen Namen machte sich auch Peter Weiss. Zur Zeit wird sein "Marat"-Stück an einer Moskauer Bühne einstudiert. Seit seiner Hochzeit mit einer Russin ist auch Enzensberger kein Unbekannter mehr.

Ich vermißte in dieser "Literaturliste" Namen von zeitgenössischen russischen Autoren.

Es gibt sie natürlich, sie werden gedruckt, zum Verkauf angeboten. Aber sie interessieren nicht, sie sind zu langweilig. Warum soll man Bücher lesen, bei denen man schon im voraus weiß, was drin steht, in denen Probleme behandelt werden, die nicht interessieren.

In der sowjetischen Presse werden immer wieder Klagen laut über die Jugend: sie trinke zu viel, sie sei politisch indifferent, die Kurve der Jugendkriminalität steige ständig. Ich fragte meine Gesprächspartner nach dem Bild, das sie sich von Rußlands Jugendlichen machen.

Die Jungen sind oberflächlich. Sie sind auf alle Fälle sehr verwöhnt. Die russische Durchschnittsfamilie ist heute klein: Ein bis zwei Kinder sind die Regel, und diesen Kindern wird alles erlaubt, sie bekommen alles.

Die Freizeit verbringen sie mit Freunden in Beatlokalen, feiern Partys und trinken dabei auch manchmal mehr, als ihnen gut tut. Und so passiert dann auch immer wieder mal etwas, was unliebsames Aufsehen erregt.

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Politik? Im großen und ganzen kümmern sie sich nicht drum. Die Ideologie des Marxismus/Leninismus lernen sie in der Schule oder an der Universität. Tagespolitik interessiert sie nicht besonders. Es kommt, wie es kommt, ändern können sie doch nichts.

Ein Student sagte über die russische Jugend:

Wir wollen einen interessanten Beruf erlernen und später gut verdienen. Wir wollen uns etwas leisten können, eine Wohnung, gute Kleidung, eine Datscha, ein Auto. Wir wollen reisen. Schließlich wollen wir auch eine Familie gründen. Dies alles sind Dinge, die im Bereich des Möglichen liegen. Selbstverständlich hätten wir gerne mehr Freiheit, Pressefreiheit vor allem, aber das sind Utopien.

Es ist leicht zu sagen: kämpft für die Freiheit! Haben die Deutschen gekämpft? Doch nur vereinzelt, einige Intellektuelle, und wo und wie sie endeten – falls sie nicht emigrieren konnten oder wollten – ist bekannt. Ich glaube, die älteren Deutschen können unsere Passivität, unsere Ohnmacht und auch unseren Opportunismus besser verstehen als die jungen, die Älteren schöpfen aus eigener Erfahrung.

Ich zitierte meinen Gesprächspartnern zwei Sätze aus einem Brief, den zwölf Russen, unter ihnen Pawel Litwinow und Frau Larissa Daniel, am 24. Februar 1968 an das Präsidium der Konferenz der Kommunistischen Parteien in Budapest schickten: "Wir betrachten es als unsere Pflicht, darauf hinzuweisen, daß in den Gefängnissen und Lagern mehrere Tausend politische Gefangene leben, von denen kaum jemand etwas weiß. Sie sind bei unzureichender Ernährung einer inhumanen Zwangsarbeit unterworfen und völlig der Willkür der Bürokratie ausgeliefert." Gewissensgefangene in der Sowjetunion, darüber könnte jedes Mitglied von "Amnesty International" ein Klagelied singen. Persönlichen Kontakt zu den betreuten "Fällen" zu bekommen, ist nahezu unmöglich, und Briefe an staatliche Stellen werden so gut wie nie beantwortet.

Straf- und Arbeitslager sind im Grunde genommen eine alte russische Tradition. Ebenso die Verbannung. Das können Sie in jeder russischen Literaturgeschichte nachlesen. Intellektuelle und Schriftsteller waren schon so manchem Zaren ein Dorn im Auge, und heute sind sie es der Sowjetregierung. Oft sind es die besten Leute, die verurteilt werden.

Meiner Meinung nach sind unorthodoxe Schriftsteller der Regierung doppelt lästig, erstens durch ihre Äußerungen, zweitens durch die Prozesse, die ihnen deswegen gemacht werden müssen.

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Diese Prozesse machen Schlagzeilen in der westlichen Presse, Intellektuelle beklagen in Protestbriefen die mangelnde Meinungsfreiheit in der Sowjetunion, Organisationen wie Amnesty International" nehmen sich der einzelnen Gefangenen an, das mag keine Regierung. Die Verantwortlichen würden es vorziehen, ihre Opfer ohne großen Wirbel mundtot zu machen.

Die Lage der politischen Häftlinge ist – sind sie erst einmal in einem Lager – ziemlich hoffnungslos. Ein Russe kann nichts dagegen unternehmen, es sei denn, er fühlte sich zum Märtyrer berufen. Und – seien wir doch ehrlich – die Zahl derjenigen, die wegen solcher Ungerechtigkeiten aufschreien könnte, ist verschwindend klein. Ihr gegenüber steht die gleichgültige Masse, und sie ist groß. Zu ihr zähle ich die Stumpfsinnigen wie die Opportunisten, und den größten Teil machen die "Abkapsler" aus, Menschen, die ihren Blickwinkel freiwillig auf ihren Arbeitsplatz und ihr Privatleben einschränken: nichts hören, nichts sehen, nichts sagen.

Für ganz so fatalistisch (sagte ein anderer) würde ich meine Landsleute doch nicht halten. Sie stellen sich nicht zum offenen Kampf mit den Machthabern, was verständlich ist. Doch sie verfolgen die Entwicklung genau, sie machen sich Gedanken, über die Pressezensur zum Beispiel, über Bücher, die nicht oder nicht mehr gedruckt werden. Sie fragen sich, warum dürfen wir das nicht lesen, warum dürfen wir nicht ins westliche Ausland reisen?

Ein Aspekt darf dabei nicht unerwähnt bleiben. Uns Russen geht es heute wirtschaftlich verhältnismäßig gut. Wir können uns mehr leisten als früher, wir können es zu etwas bringen. Und dieses Gefühl ist noch zu neu, als daß eine rebellische Stimmung daneben groß werden könnte.