Politik? Im großen und ganzen kümmern sie sich nicht drum. Die Ideologie des Marxismus/Leninismus lernen sie in der Schule oder an der Universität. Tagespolitik interessiert sie nicht besonders. Es kommt, wie es kommt, ändern können sie doch nichts.

Ein Student sagte über die russische Jugend:

Wir wollen einen interessanten Beruf erlernen und später gut verdienen. Wir wollen uns etwas leisten können, eine Wohnung, gute Kleidung, eine Datscha, ein Auto. Wir wollen reisen. Schließlich wollen wir auch eine Familie gründen. Dies alles sind Dinge, die im Bereich des Möglichen liegen. Selbstverständlich hätten wir gerne mehr Freiheit, Pressefreiheit vor allem, aber das sind Utopien.

Es ist leicht zu sagen: kämpft für die Freiheit! Haben die Deutschen gekämpft? Doch nur vereinzelt, einige Intellektuelle, und wo und wie sie endeten – falls sie nicht emigrieren konnten oder wollten – ist bekannt. Ich glaube, die älteren Deutschen können unsere Passivität, unsere Ohnmacht und auch unseren Opportunismus besser verstehen als die jungen, die Älteren schöpfen aus eigener Erfahrung.

Ich zitierte meinen Gesprächspartnern zwei Sätze aus einem Brief, den zwölf Russen, unter ihnen Pawel Litwinow und Frau Larissa Daniel, am 24. Februar 1968 an das Präsidium der Konferenz der Kommunistischen Parteien in Budapest schickten: "Wir betrachten es als unsere Pflicht, darauf hinzuweisen, daß in den Gefängnissen und Lagern mehrere Tausend politische Gefangene leben, von denen kaum jemand etwas weiß. Sie sind bei unzureichender Ernährung einer inhumanen Zwangsarbeit unterworfen und völlig der Willkür der Bürokratie ausgeliefert." Gewissensgefangene in der Sowjetunion, darüber könnte jedes Mitglied von "Amnesty International" ein Klagelied singen. Persönlichen Kontakt zu den betreuten "Fällen" zu bekommen, ist nahezu unmöglich, und Briefe an staatliche Stellen werden so gut wie nie beantwortet.

Straf- und Arbeitslager sind im Grunde genommen eine alte russische Tradition. Ebenso die Verbannung. Das können Sie in jeder russischen Literaturgeschichte nachlesen. Intellektuelle und Schriftsteller waren schon so manchem Zaren ein Dorn im Auge, und heute sind sie es der Sowjetregierung. Oft sind es die besten Leute, die verurteilt werden.

Meiner Meinung nach sind unorthodoxe Schriftsteller der Regierung doppelt lästig, erstens durch ihre Äußerungen, zweitens durch die Prozesse, die ihnen deswegen gemacht werden müssen.