Von Joachim Kaiser

I.

Bereits zum siebten Mai hat der rührige, freie, temperamentvolle, dabei mit der Pressestelle des DGB verbundene Journalist Dieter Schmidt seine "Literarischen Werkstattgespräche" stattfinden lassen. Aber sehr weit über den Kreis der Eingeweihten und Interessenten hinaus sind diese linken Literatur-Initiativen bisher eigentlich nicht bekanntgeworden – mit Ausnahme jener Tagung, die der Frage "Literatur und Pornographie" galt und über die recht umfänglich berichtet wurde.

Vielleicht hat die relativ bescheidene Resonanz, die Dieter Schmidts Werkstattgespräche bisher begleitete, damit zu tun, daß man solche von einem Diskussionsleiter gesteuerten Gespräche und Ad-hoc-Diskussionen über soeben verlesene Literatur immer nur als Reaktion auf die spektakulären Aktionen der Gruppe 47 verstehen möchte. Da aber pflegte die Gruppe 47 Attraktiveres zu bieten. Mehr und berühmtere Autoren, geübter und schneller sprechende Kritiker, dazu freundlich-beutegierig lauernde Verleger.

So lag es gewiß für viele nahe, Dieter Schmidts "Literarische Werkstattgespräche" als netten, möglicherweise politisch gar nicht so harmlosen, dafür doch künstlerisch auch unergiebigen Linksliteraten-Klub zu betrachten und zu verachten. Die wollen nur irgend etwas gegen die Gruppe 47 unternehmen: Aber dann hält sich die Öffentlichkeit natürlich lieber ans allmählich graumelierte Original als an die langmähnige Kopie.

In Wirklichkeit, das heißt in der mit allen Schikanen der Technik opulent ausgestatteten, über phantastische Druckknopfapparaturen für Fenster und Belüftungsanlagen ebenso wie über vollautomatische Kegelbahnen verfügenden Schule der IG-Metall zu Lohr am Main (wenn eine IG-Metall-Schule so ist, kann die Villa Hügel eigentlich nur noch durch Simplizität auffallen) – war dann natürlich alles ganz anders. Von der Gruppe 47 redeten die dort versammelten jungen Leute, so wie die Schriftsteller der 45er-Generationen von den zwanziger Jahren reden. Für die Jungen ist eher jemand wie Hubert Fichte ein Kirchendoktor: Sein letzter Roman wird im gerade entstehenden Roman des jungen Autors Karlhans Frank zitiert und preziös als bekannt vorausgesetzt. Günter Grass verschwindet, demgegenüber, schon in einer Gebirgskette zwischen Goethe und Homer. Heißenbüttel verschmilzt mit dem Wiener Positivismus und Ezra Pound. Man geht also gänzlich fehl in der Vermutung, die Gruppe 47 sei hier Leitbild oder Gegenbild oder Cauchemar.

Auch die Tagungsriten sind andere. Der Autor, beispielsweise, darf sich Punkt für Punkt wehren oder erklären oder – wie es beispielsweise der wohl am sorgfältigsten und gescheitesten, literarisch-politisch argumentierende Arnfrid Astel tat – sagen, es komme ihm halt nicht darauf an, nur "Gesinnung zu treiben"; es sei ein Zeichen von Fachidiotie, überhaupt nur noch an Bedürfnisse lesender Arbeiter denken zu wollen und die Existenz anderer gesellschaftlicher Klassen, gesellschaftlicher Traditionen schlicht zu übersehen.