Von Richard Schmid

Philipp W. Fabry: "Mutmaßungen über Hitler; Urteile von Zeitgenossen"; Droste Verlag, Düsseldorf 1969, 265 S., 19,80 DM.

An dem Buch ist vor allem der Einfall gut, eine konzentrierte Auswahl von Meinungen über und Eindrücken von Hitler aus der Zeit zu geben, in der solche Meinungen und Eindrücke noch einigermaßen frei waren und nicht, wie in Deutschland nach 1933, überwiegend von Existenzangst, Selbsterhaltung, Charakterschwäche und Karrieregründen bestimmt. Auch der Fleiß des Autors ist zu loben, obwohl man feststellen muß, daß einige der interessantesten und konzentriertesten Formulierungen nicht belegt sind, zum Beispiel die des Nuntius Pacelli vom Juni 1933: "Für einen frommen Katholiken in Deutschland ist es konsequent, ein Nationalsozialist zu sein", die von Georg Lukacz: "Als Diener des Monopolkapitalismus gehören Faschismus und Sozialdemokratie innerlich zusammen", und der in Anführungszeichen gesetzte angebliche Schlachtruf der äußersten Rechten Frankreichs: "Lieber Hitler als Blum! Lieber Knechtschaft als soziale Reformen." Ganz fehlt leider die historische Rede Kurt Schumachers in der Reichstagssitzung vom 23. Februar 1932, in der er die Agitation des Nationalsozialismus als "einen dauernden Appell an den inneren Schweinehund im Menschen" bezeichnete.

Das Mosaik, das Fabry zusammensetzt, ist aber recht farbig und kontrastreich und für den, der die Zeit nicht stumpf und dumpf erlebt hat, geradezu aufregend, ja aufreibend. Wenn in der Einleitung allerdings gefragt wird, warum man auf die vielen Warnungen, "an denen es in der Tat nicht mangelte", nicht gehört habe, so ist diese Frage offenbar rhetorisch gemeint und nicht als die eigentliche Aufgabe des Buches, das eher eine Materialsammlung sein will. Dem Geheimnis der Wirkung Hitlers und der Disposition der Deutschen dafür kommt man nicht viel näher. Das hätte – ähnlich wie beim Antisemitismus, der weniger ein Problem der Juden als eines der Antisemiten ist – eine Untersuchung der vom Nationalsozialismus befallenen einzelnen Teile der Nation erfordert, wobei man aus den Unterschieden in gewissem Umfang auf die Gründe hätte schließen können.

Man lernt aus meist gut gewählten BeispielenMeinungen und Prognosen von Politikern, Journalisten, Botschaftern, Professoren kennen, lauter artikulierte und mehr oder minder gut formulierte und begründete Meinungen, von denen heute und hinterher manche scharfsinnig, manche peinlich wirken, und viele, bei denen beides mit viel Klischeephrasen, mit Wunschdenken und anderem im Gemenge liegt. Der eine geht von der marxistischen Lehre aus, für die Hitler die letzte Rettung des Kapitalismus war; dem anderen, einem Konservativen, gebärdet sich Hitler zu revolutionär, während ein dritter, auch ein Konservativer, merkt, daß die revolutionären Töne nicht echt sind und man deshalb durchaus Hitler unterstützen könne. Der eine holt seine Meinung aus dem, was im Programm der Partei oder in "Mein Kampf" steht. Der andere versucht, aktuelle Reden und Handlungen zu interpretieren. Der politische Standort und das materielle oder ideologische Interesse schlagen mit verschiedenen Stärke durch, häufig getarnt mit nationalen oder völkischen Phrasen. Nach dem nationalen oder Juli 1933 schreibt Kardinal Faulhaber an Hitler einen Brief, in dem es heißt:

"Was die alten Parlamente und Parteien in sechzig Jahren nicht fertig brachten, hat Ihr staatsmännischer Weitblick in sechs Monaten weltgeschichtlich verwirklicht... Gebe Gott; daß die nachgeordneten Stellen der ersten, zweiten und dritten Unterstufe in der Durchführung des Reichskonkordates nicht allzuweit hinter der staatsmännischen Größe des Führers zurückbleiben."

Bemerkenswert ist das Gefasel des von Neid auf den Erfolg des Konkurrenten Hitler zerrissenen Herbert Blank, eines damals hochangesehenen "nationalen" Publizisten. Unter den sonst ausgewählten Stimmen sind erwähnenswert besonders diejenigen von Theodor Heuss, Sigmund Neumann, Leopold Schwarzschild, Carl von Ossietzky; ferner ein Sortiment von Sätzen aus der "Frankfurter Zeitung". Unter den Ausländern (nur Frankreich, England und die Sowjetunion werden berücksichtigt) ist das schärfste und treffendste Urteil das des britischen Botschafters in Berlin, Sir Horace Rumbold, vom März 1933: "Die neue Regierung hat die schlimmsten Züge im Charakter der Deutschen, das heißt einen niedrigen Rachegeist, eine Neigung zur Brutalität und einen lärmenden und unverantwortlichen Chauvinismus offenbart. Es ist bestimmt die Absicht Hitlers, die jüdische Gemeinschaft in Deutschland zu degradieren und, wenn möglich, aus Deutschland auszustoßen."