Jede Idee wird Wirklichkeit in den schmutzigen Fluten des Lebens; und diese Wirklichkeit kann um so schlimmer sein, je mehr man auf Reinheit der Idee besteht; um so schmutziger, je mehr die Führer das Schicksal der Idee mit ihrem eigenen identifizieren.

Milovan Djilas

Liberalisierte Messe

Der Aufsichtsrat der Messe- und Ausstellungs-GmbH des Börsenvereins ist den Empfehlungen des Verlegerausschusses gefolgt und hat neue Leitsätze für seine künftige Buchmessenpolitik aufgestellt: Auf dem Gelände der Buchmesse (das nicht mit dem Frankfurter Messegelände schlechthin identisch ist) soll keine Polizei stationiert sein; eine Hausordnung gibt es nicht mehr, nur noch "Hinweise"; es werden ein Diskussionsraum und ein Informationszentrum mit täglichen Pressekonferenzen eingerichtet; Demonstrationen im Rahmen der grundgesetzlich geschützten Freiheiten werden gestattet, auch wenn einzelne Aussteller sie als eine Beeinträchtigung ihrer Arbeit empfinden. Damit haben die Veranstalter der Buchmesse zu jener liberalen Haltung gefunden, die wir im letzten Jahr so vermißt haben; die APO wird noch längst nicht zufrieden sein, erstens weil sie weitergehende Forderungen hat, zweitens weil die neue Messeordnung es ihr schwerer machen wird, den autoritär-repressiven Charakter der Messe zu entlarven; dennoch dürfte sie die Liberalisierung auch als Erfolg für sich auffassen.

Unterstzuoberst

Die diesjährige Frankfurter "Experimenta" bringt unter anderem die Uraufführung von Bazon Brocks "Unterstzuoberst", aus Bremen den "Torquato Tasso" in der Inszenierung von Stein, aus Japan das Tenjo-Sajiki-Theater und aus New York das Bread and Puppet Theatre sowie das Teatro Stabile Torino. Uraufgeführt wird von Beuys und Peymann im Theater am Turm "Titus/Iphigenie" nach Shakespeare und Goethe sowie von Gerhard Rühm "Ophelia und die Wörter", wobei das Theater erstmals ins Schwimmbad geht, da Ruhms Stück "eine Szene für Frauenchor, Bariton und eine Schwimmerin" darstellt.

Protest-Pulitzer

Unter den vier Pulitzer-Preisen, mit denen jetzt zum dreiundfünfzigsten Mal vier amerikanische Schriftsteller und Journalisten ausgezeichnet wurden, erhielt einen der AP-Photograph Edwards Adams für seine auch in Deutschland bekannten Aufnahmen von der Erschießung eines FLN-Angehörigen durch den früheren Saigoner Polizeigeneral; den Sachbuchpreis bekam Norman Mailer für die "Heere aus der Nacht", jene Beschreibung des Protestmarsches zum Pentagon, die mehr ist als ein Stück Protestliteratur, mehr auch als eine neutrale Chronik, nämlich beides und dazu der gelungene Versuch, Geschichte in einen Roman und den Roman in Geschichte zu verwandeln.