Durch einen Erlaß des Kultusministers von Nordrhein-Westfalen vom 8. April dieses Jahres wird in Zukunft "die Durchführung der Lernmittelfreiheit in verschiedener Hinsicht abweichend von der bisherigen Praxis" geregelt. Bis zum 1. Juni sollen sogenannte "Schulbuchausschüsse" – jeweils einer für einen Kreis oder eine kreisfreie Stadt – entschieden haben, welche Bücher im Schulbuchjahr 1969/1970 an den Schulen ihres Bereiches benutzt werden. Bisher entschieden hierüber die einzelnen Schulen oder die einzelnen Lehrer an Hand einer Liste von ministeriell genehmigten Büchern.

Dem Erlaß zufolge, der deutlich auf eine Initiative des budgetbewußten Kulturausschusses des Landtages zurückgeht und dem sachbewußten Ministerium manche Qual bereitet haben dürfte, sollen die Schulbuchausschüsse von den Schulbehörden auf Vorschlag der Fachkonferenzen berufen werden; sie sollen nicht mehr als 15 Personen umfassen. Sie legen ein Buch einheitlich für jedes Unterrichtsfach in jedem Schultyp fest; die Zulassung "eines weiteren Schulbuches der gleichen Schulbuchart ist nur ausnahmsweise zulässig, wenn pädagogische Gesichtspunkte (was für welche sonst?) die Beschränkung... als unvertretbar erscheinen lassen. Bei der Einführung haben die Schulbuchausschüsse dafür Sorge zu tragen, daß ein Schulbuch Wechsel soweit wie möglich vermieden wird." Wo solch ein Wechsel gleichwohl "unvermeidlich wird" – ich nehme an, weil neue, bessere Bücher die Mängel des alten sichtbar und unerträglich gemacht haben – soll "das neue Schulbuch zunächst nur jeweils in der entsprechenden Einklangsklasse" eingeführt werden. Die bis dahin benutzten Schulbücher müssen "in den Folgeklassen ihrer Bestimmung gemäß weiterverwendet" werden, das heißt, bei den sich meist auf fünf bis neun Schuljahre erstreckenden Unterrichtswerken bleiben ganze Schülergenerationen zur Benutzung überholter Lernmittel verdammt oder doch von der Benutzung vorhandener besserer Lernmittel mutwillig ausgeschlossen.

Um es gleich zu sagen: es handelt sich um die Umwandlung der Lernmittelfreiheit der Schüler in eine Lehrmittelunfreiheit der Lehrer und Schulen. Eine Maßnahme, die der Verwirklichung der Chancengleichheit dienen sollte, indem der Staat allen Schülern die Lernmittel kostenfrei zur Verfügung stellt, wird ihr nun an der entscheidenden Stelle entgegenwirken: indem sie einen differenzierenden Einsatz von unterschiedlichen Lehrmitteln verhindert. In ihm allein jedoch liegt die wahre pädagogische Chance der Chancengleichheit; alle Veränderungen der Schulorganisation wollen letztlich ihm dienen.

Die Vereinheitlichung und Festlegung von Lernmitteln widerspricht:

der von der Lerntheorie gebotenen Individualisierung des Unterrichts;

der pädagogisch begründeten Forderung nach gemeinsamer und selbständiger Organisierung der Lehr- und Lernprozesse durch die Lehrenden und Lernenden;

der bildungspolitisch und bildungssoziologisch geforderten Autonomie der Einzelschulen;