Die Große Koalition ist noch einmal davongekommen. Nach Krampf und Krise um die Nichtaufwertung der Mark demonstrierte sie freilich bei Wochenbeginn, wieviel wert sie noch ist: Im Sozialpolitischen Ausschuß des Bundestages blockierten die Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU am Dienstag wechselseitig ihre Anträge zur Änderung des Krankenversicherungsrechts. Obwohl die Sozialdemokraten einmal mehr ankündigten, sie würden dafür kämpfen, droht damit auch die letzte Reform zu scheitern, die noch auf der Agenda des schwarz-roten Regierungsbündnisses steht: die Lohnfortzahlung für Arbeiter im Krankheitsfalle.

Hart am Koalitionsbruch waren die Partner erst am vorvorigen Wochenende vorbeilaviert, nachdem sich die Christdemokraten geweigert hatten, die Parität der Mark zu ändern. Am Dienstag beschloß das Wirtschaftskabinett, in dem der düpierte Ressortminister Schiller den Vorsitz an Bundeskanzler Kiesinger abgegeben hatte "marktwirtschaftliche Maßnahmen ... gegen die ausländische Devisenspekulation" und "zur Sicherung der Preisstabilität". Gleichwohl wollte das "heiße Geld" – abgesehen von etwa drei Milliarden kurzfristig angelegter Spekulationsgelder – nicht recht abfließen, und ob sich das Lohn- und Preisniveau halten läßt, blieb nach wie vor umstritten.

Als die oppositionellen Freien Demokraten am Mittwoch im Parlament mit drei Dringlichkeitsanfragen ein währungspolitisches Kreuzverhör erzwangen, kochte der Unmut bei den Sozialdemokraten noch einmal hoch. Sie selber beantragten gleich noch eine Aktuelle Stunde, um Dampf abzulassen. Bundeswirtschaftsminister Schiller, der eine Politik vertreten mußte, die er nicht gewollt hatte, rettete sich in den Ausruf: "Ich werde Schaden vom deutschen Volk abwenden." Eine Erklärung der SPD-Bundestagsfraktion bekräftigte, die Partei werde keine Maßnahmen verantworten, die zu Dirigismus und Zwangswirtschaft oder zu binnenwirtschaftlicher Deflation führen würden. Eckpfeiler ihrer Konjunkturpolitik blieben Vollbeschäftigung und Preisstabilität.

Ob sich dieses Postulat unter der Voraussetzung der Nichtaufwertung halten läßt oder die Koalition alsbald zu einer neuen Kraftprobe zwingen wird, war noch am Wochenende unklar: Klar war indessen, daß SPD und CDU an ihrem Bündnis festhalten wollen. Zwar plädierte die FDP für eine Vorverlegung der Bundestagswahl; Vize Genscher: "Das wäre der richtige Schritt, um zu vermeiden, daß über vier Monate hinweg ein Stillstand in der Politik eintritt." Aber der Architekt der Großen Koalition, Herbert Wehner, dachte schon wieder über den Wahltag hinaus: Notfalls müsse das Bündnis fortgesetzt werden.