Bundesaußenminister Brandt hat am Montag die Bereitschaft der Bundesregierung betont, "auch mit Polen Gewaltverzichtserklärungen in aller Form auszutauschen", um auf dieser Vertrauensbasis die Beziehungen zwischen den beiden Staaten zu normalisieren.

Mit seiner Offerte an Polen antwortete Brandt auf eine Rede des polnischen Parteichefs Gomulka von voriger Woche. Gomulka hatte den Abschluß eines internationalen Vertrages zwischen Polen und der Bundesrepublik vorgeschlagen, in dem nach dem Muster des Görlitzer Vertrages von 1950 zwischen Warschau und Ostberlin die Endgültigkeit der Oder-Neiße-Grenze festgelegt werden soll.

Brandt wertete diese Rede als "bemerkenswert, weil auf Polemik weitgehend verzichtet wurde". Gomulka hatte außerdem Tendenzen in der Bundesrepublik hervorgehoben, die auf "Absichten einer etwas anderen Richtung der Ostpolitik Bonns hinweisen". Dies gelte vor allem für einige Äußerungen Brandts, dessen Nürnberger Formel ("Anerkennung bzw. Respektierung der Oder-Neiße-Linie bis zur friedensvertraglichen Regelung") der polnische Parteichef freilich ablehnte.

Den Bonner Einwand, ein deutschpolnischer Grenzvertrag vor Abschluß eines deutschen Friedensvertrages stimme nicht mit dem Potsdamer Abkommen überein, versuchte Gomulka mit einem sachlich neuen Vorschlag zu entkräften: Bonn solle doch bei den vier Alliierten anfragen, "ob die Bundesrepublik das souveräne Recht hat, einen Vertrag mit Polen abzuschließen".

Brandt bekräftigte freilich noch einmal den offiziellen Standpunkt der Bundesregierung: "Die Grenzen eines wiedervereinigten Deutschlands können nur in einer frei vereinbarten Regelung mit einer gesamtdeutschen Regierung festgelegt werden." Das schließe nicht aus, daß "schon vorher" eine "beide Seiten befriedigende Lösung" vorbereitet werden könne. Die Aussöhnung mit Polen sei eine Aufgabe von ähnlich "geschichtlichem Rang" wie die Aussöhnung mit Frankreich.