Ein Buch, das von Widersprüchen strotzt – und dennoch überraschend einheitlich ist. Das traditionsbewußt und vielen Vorbildern verpflichtet ist – und sich trotzdem als durchaus eigenwillig und modern zugleich erweist. Das ein leicht angreifbares und schwer greifbares Stück Literatur ist, ein Roman, der Interpretationen geradezu herausfordert und der sich schließlich, nicht ohne Grazie und Koketterie, jeglicher Interpretation entziehen möchte. Kurz: ein höchst erfreulicher Fall –

Die 1929 geborene DDR-Autorin Christa Wolf – und dieser Ausdruck zielt nicht nur auf ihren Wohnort ab, sondern auch auf die Tatsache, daß sie sich ostentativ zur DDR bekennt – verdankt ihren nicht unbeträchtlichen Ruhm dem Roman "Der geteilte Himmel".

In dieser Geschichte einer Liebe, die im Sommer 1961 an der Teilung Deutschlands scheitert, war zweierlei aufgefallen. Weder wurde der junge Chemiker, der sein Mädchen verließ, um nach der Bundesrepublik zu gehen, als Agent oder Schweinehund beschimpft, noch das in der DDR zurückbleibende Mädchen als jugendliche Heroine gefeiert; derartiges schien damals, 1963, schon rühmenswert. Und zweitens hatte sich die Erzählerin linkisch zwar, doch ziemlich entschieden einiger Darstellungsmittel des modernen westlichen Romans bedient.

Ein biederes und aufrichtiges Buch, naiv und betulich und recht sentimental, bemerkenswert auf dem Hintergrund der DDR-Literatur und bestimmt keine bedeutende künstlerische Leistung – so etwa präsentierte sich der "Geteilte Himmel". Wer jedoch glaubte, die Grenzen der epischen Begabung der Christa Wolf bereits erkannt zu haben, der wird jetzt eines besseren belehrt: "Nachdenken über Christa T.", weder bieder noch betulich, übertrifft den Erstling in jeder Hinsicht. Sentimental freilich ist auch dieser Roman, nur in einem ganz anderen Sinne.

Ein Mensch ist gestorben, eine noch junge Frau, knapp 35 Jahre alt. Nein, weder Mord noch Selbstmord, auch kein Unfall. Anders als im Fall jenes Eisenbahners Jakob Abs, der quer über die Gleise ging, unterliegt die Todesursache keinem Zweifel: Leukämie. Das Leben dieser Frau, der Christa T., wird hier erzählt. Also kein sonderlich origineller Ausgangspunkt? Aber auch die Umrisse ihrer Geschichte sind so einfach und alltäglich, so banal wie nur möglich.