Von Cornelia Jacobsen

Ein Mädchen von vielleicht fünfzehn Jahren,mit tropfnassem Haar und einem blauen Frotteetuch um die Schulter, hüpft vor uns den Flur entlang und schmettert mit beträchtlichem Stimmaufwand "Hinter den Kulissen von Paris". Eine andere, die ihr entgegenkommt, hat uns gesehen und zischt: "Spinnst du?" Der ersten bricht der Ton in der Kehle ab, sie stammelt "Grüß Gott, Frau Direktor, Verzeihung" und verschwindet kichernd in einem Zimmer.

Am Samstag ginge es halt immer etwas ausgelassen zu, erklärt mir die Frau Direktor, und das müsse wohl auch so sein, denn die Woche über gäbe es viel zu tun.

In diesem Internat lernen die Mädchen das, was man früher den Töchtern besserer Familien beibrachte, damit die Zeit bis zur Verlobung sinnvoll ausgefüllt war: Kochen, Handarbeit, Hausarbeit, Wäschebehandlung und etwas mehr. Was früher aber oft nur Zeitvertreib war, ist heute Vorbereitung auf einen Beruf, und während früher die jungen Damen zwecks Abrundung ihrer reizenden Person am Piano oder an der Staffelei dilettierten, werden heute ganz handfeste Fächer unterrichtet: Mathematik, Physik, Chemie, Biologie, Volkswirtschaft, um einige zu nennen. Es handelt sich um einen relativ jungen, noch vielfach unbekannten Schultyp, den es in unterschiedlicher Form in allen Bundesländern gibt.

Die Kleine mit dem Mireille-Mathieu-Song auf den Lippen ist eine von zweihundert Schülerinnen, die dieses von Benediktinerinnen geleitete Vorseminar für soziale Frauenberufe auf der Insel Frauenchiemsee besuchen. Das Vorseminar nimmt Schülerinnen nach der achten Volksschulklasse auf (von 1971/72 an nach der neunten Klasse) und führt die Mädchen in einer vierjährigen Ausbildung zur Fachschulreife, die im ganzen Bundesgebiet als Mittlere Reife anerkannt ist. Das Abschlußzeugnis ermöglicht dann die Weiterbildung für alle gehobenen sozialen Berufe, wozu die der Krankenschwester, Kindergärtnerin oder Heimerzieherin, für die nun einmal die Mittlere Reife Voraussetzung ist.

Wer besonders begabt ist, hat nach dem Abschluß des Vorseminars die Möglichkeit, in einem fünfsemestrigen Kolleg (es sind ihrer fünf in Bayern) das Abitur zu machen, also die Hochschulreife zu erlangen. Es gibt zur Zeit in Bayern zwölf Vorseminare von konfessionellen Trägern, sechs katholische, sechs evangelische.

Diese Form des Zweiten Bildungsweges für Mädchen ist günstig für alle diejenigen, deren Begabung eher auf praktischem Gebiet liegt und denen die normale Mittelschule oder Oberschule Schwierigkeiten macht. Besonders nützlich ist er für Mädchen, die auf dem Lande wohnen und keine weiterführenden Schulen in der Nähe haben. Die Busfahrt zur Schule in der nächsten Stadt, die für Jungen als unabänderlich in Kauf genommen wird – sofern man ihnen mehr als nur Volksschulbildung geben will –, betrachten Eltern für ihre Töchter noch oft als zu gefährlich und damit als unzumutbar.