Von Wolfgang Müller-Haeseler

Der aufwärts strebende Pegasus auf dem Gobelin hinter dem Vorstandstisch der BASF-Verwaltung wirkte symbolisch für die neue Geschäftspolitik des drittgrößten deutschen Chemiekonzerns, der Badischen Anilin- und Soda-Fabrik AG in Ludwigshafen am Rhein. Die Devise für die Zukunft heißt: expansiv, aggressiv und voller Selbstbewußtsein.

Professor Bernhard Timm, der vor vier Jahren das Steuer aus den Händen von Professor Carl Wurster übernahm und fließend Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch parliert, zog auf der diesjährigen Pressekonferenz ohne jedes Bedauern einen radikalen Schlußstrich unter die gemeinsame Vergangenheit der deutschen Chemie: "Es gibt keine IG-Farben-Nachfolger mehr. Jede Bruder- oder Schwesterbeziehung der alten IG-Farben-Industrie ist passé."

Für die Zukunft hat Timm das Rezept schon parat: "Es ist besser, völlig in Unabhängigkeit miteinander zu paktieren – je nach der Stärke im Geschäft, die die einzelnen Gesellschaften aufzuweisen haben." Seine Absage an die gemeinsame Vergangenheit der deutschen Großchemie ist absolut. Er ist offensichtlich auch bereit, jene Verbindungen zu lösen, die noch aus der Zeit der Ausgründung der drei Chemiegiganten – sowohl die Badische, als auch die Farbwerke Hoechst und die Farbenfabriken Bayer sind durch die von den alliierten Siegern befohlene Zerschlagung des ehemals größten Chemieunternehmens der Welt, der IG Farben-Industrie AG entstanden – in Form von gemeinsamen Tochtergesellschaften stammen, "Es ist denkbar", sinniert Professor Timm, "daß die großen Drei künftig vielleicht nur noch bei der Duisburger Kupferhütte an einem Tisch sitzen."

Das würde bedeuten, daß beispielsweise die Cassella AG in Frankfurt, an der alle drei zu gleichen Teilen beteiligt sind, in absehbarer Zeit nur noch einen Großaktionär haben wird, oder daß die seit langem im Gespräch befindliche Bereinigung der Interessen an den Chemischen Werken Hüls und an der Chemie-Verwaltungs-AG eine klare Trennung der Interessen der um Macht und Einfluß ringenden Farbwerke Hoechst und Bayer bringen wird.

Der Schlußstrich unter die Vergangenheit beschränkt sich also keineswegs auf das rein deklamatorische. Auch in der Geschäftspolitik der großen Drei in der deutschen Chemie zeigen sich mehr und mehr deutliche Unterschiede. In der Dividendenpolitik, in der sie jahrelang in uniformem Gleichschritt marschierten, gehen die Verwaltungen auseinanderstrebende Wege. Damit wird auch die Verteilung der bisherigen Schwerpunkte – Bayer Chemikalien, Hoechst Pharmazeutika, BASF Kunststoffe – kurz über lang der Vergangenheit angehören. Die Produktionsprogramme der großen Drei werden sich immer mehr angleichen.

Während die Farbenfabriken Bayer zu der alten Dividende von 13 Prozent im Geschäftsjahr 1968 einen Bonus von zwei Prozent gewähren, setzt die BASF ihre Ausschüttung um zwei von 20 auf 22 Prozent herauf. Die Farbwerke Hoechst wiederum lassen ihre Aktionäre an den Erfolgen des vergangenen Jahres durch die Ausgabe von Gratisaktien im Verhältnis 20:1 teilhaben.