Den Rahm abschöpfen – Seite 1

Von Rolf Diekhof

Der Bürgermeister von New York, Mayor John V. Lindsay, fand die Sache sehr bemerkenswert. So bemerkenswert, daß er den 7. Mai 1969 nicht einfach als 7. Mai verstreichen lassen wollte: Er machte den Tag kurzerhand zum "Queen Elizabeth 2-Day" – viel Ehre für Britanniens jüngstes Passagierschiff, das an diesem Tag seine Jungfernreise im Hafen von New York beendete.

Eine Jungfernreise, die sehr zum Leidwesen der Reederei Cunard und aller aufrechten Engländer mit einer Verspätung von drei Monaten begann. So lange hatte es gedauert, bis die Engländer die Fehler an den Turbinen repariert hatten. Doch diesmal, nach einer reibungslosen Atlantiküberquerung, war die Queen pünktlich.

Die New Yorker feierten ihre Ankunft wie ein nationales Volksfest. Die Marine schickte den Zerstörer "Conway" als Geleitschiff für den Musikdampfer, und Bürgermeister Lindsay fuhr mit einem Kutter der neuen Queen entgegen: Er überbrachte Kapitän Warwick ein offizielles Willkommen der Stadt New York.

Die Amerikaner haben gute Gründe, das britische Schiff zu umjubeln. Lord Bancroft, zweiter Mann in der Führungsspitze von Cunard, verriet, mit welcher Absicht die Queen gebaut wurde: Sie soll im Atlantikdienst (während der Sommermonate) und auf Kreuzfahrten in der Karibischen See den "Rahm vom Markt abschöpfen". Der Rahm, das sind in beiden Fällen die "reichen Amerikaner". "Solange in England die Devisenbeschränkung von 500 Mark für Auslandsreisen gilt", so Bancroft, "solange ist auch für die Queen von den Engländern nicht viel zu erwarten".

Die Engländer werden sich trösten: Mit dem Ruhm und mit über 200 Konsumgütern, die gegenwärtig in England unter der trademark "QE 2" hergestellt werden. Da gibt es Kugelschreiber und Goldmünzen, Rasierklingen und Lederwaren, Golfbälle und Fruchtkuchen, einen Whisky und eine Kollektion Damen-, Herren- und Kinderkleidung – alles geschmückt mit dem Bild des Prestigedampfers oder dem graphisch einheitlich gestalteten QE 2-Symbol.

Die Fachleute von Cunard tüftelten schon seit 1954 an einem Ersatz für ihre alten großen Passagierschiffe. Die Reederei gab Millionen aus für Pläne, die immer wieder verworfen wurden. Als dann im Oktober 1964, traditionsbewußt wählten die Engländer den Trafalgar Day, die Verträge für den Bau unterschrieben wurden, hatte man sich auf ein für damalige Verhältnisse sehr modernes Konzept geeinigt. Das neue Flaggschiff sollte Linienschiff und Kreuzfahrtschiff zugleich sein. Das bedeutete Schnelligkeit, Platz für rund 2000 Passagiere und gleichzeitig großzügige Sonnendecks, Promenaden und Aufenthaltsräume.

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1965, als das Schiff bereits halb fertig war, wurde Sir Basil Smallpeice neuer Direktor bei Cunard. Smallpeice, der bis dahin das Geschick der Fluggesellschaft BOAC mitbestimmt hatte, war mit den Plänen für das Prunkschiff nicht einverstanden. Nach alter Sitte hatte sein Vorgänger die neue Queen als Dreiklassen-Schiff geplant – drei Klassen sogar für die Kinderspielzimmer. Smallpeice waren das zwei Klassen zuviel, er setzte durch: Eine Klasse auf dem ganzen Schiff.

Im September 1967 lief bei der Werft in Schottland die Baunummer 736 vom Stapel. Ihre Majestät, Queen Elizabeth, taufte den Rohbau auf den Namen Queen Elizabeth 2" – eine kleine Sensation, denn dieser Name galt nicht als Favorit. Wettlustige Engländer, die bei ihrem Buchmacher richtig getippt hatten, bekamen das Vierzehnfache ihres Einsatzes ausgezahlt.

Am 23. Dezember 1968 lief die QE 2 zur ersten großen Probefahrt aus. Vor der Küste Portugals blieb sie liegen: Beide Turbinen waren beschädigt. Erst im April 1969 nach viereinhalb Jahren Bauzeit wurde das neue Flaggschiff der englischen Flotte von Cunard endgültig übernommen.

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Für Cunard ist die Queen heute "das bemerkenswerteste Schiff, das je gebaut wurde". Sie preisen es als "den zivilisiertesten Platz auf Erden". Von dem ersten Konzept, das im vorigen Jahr noch favorisiert wurde, das Schiff in erster Linie für junge, anspruchsvolle Gäste anziehend zu machen, ist nicht mehr die Rede. Sogar die Beatles wollte Cunard engagieren: Mit einer neuen Komposition sollten sie bei der Vorstellung des Musikdampfers aufspielen. Doch als es soweit war, spielte wieder die traditionelle Schottenkapelle.

Die Verkaufsstrategen entschieden sich gegen das Experiment mit der Jugend und polieren nun wieder das traditionelle Image der Schiffsreisen auf: Gepflegtes Nichtstun in luxuriöser Atmosphäre – je mehr man zahlt, desto mehr Luxus.

Als Charakteristik für das "bemerkenswerteste Schiff der Welt" haben die Sprecher der Reederei eine stereotype Formel bereit: floating resort – schwimmendes Hotel. Das ist nicht aufregend und auch nicht gerade neu, aber es stimmt.

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Die Kabinen sind Hotelzimmer, die sich durchweg mit dem "Hilton-Standard" messen können. Es gibt keine Schlafkojen oder notdürftig verkleideten Stahlwände. In jeder Kabine dominiert eine Farbe. Freilich gibt es Unterschiede. Wer die billigste Passage wählt, muß mit einer Kabine vorliebnehmen, die praktisch nur aus Betten (zwei oder sogar drei) besteht.

Die vier großen Treppenaufgänge vermitteln jedem Passagier den ersten Eindruck vom Luxus an Bord. Sie unterscheiden sich nur in den Farben: unvermischtes Blau, Weiß, Gelb und Rot. Eine klare, manchmal fast grelle Farbe dominiert in jedem Raum an Bord. In den kleinen Clubs und Lesezimmern wirkt das kräftige Grün oder Blau manchmal erdrückend, in den großen Gesellschaftsräumen und Restaurants wird die Wirkung der starken Farben durch das Weiß (Kunstoff) der Decken und Wände gedämpft.

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Der meistgepriesene Raum an Bord, "The Double Room", ist zwei Decks hoch: Von der Galerie im oberen Deck führt eine geschwungene Treppe, mit knallrotem Teppich geschmückt, herab auf die Tanzfläche. Es sind die klassischen Stufen für den Auftritt in großer Abendrobe. Früher war für die Gala-Treppe Marmor das einzig passende Material – auf der neuen Queen ist sie aus Glas und rostfreiem Stahl.

Was für den guten Geschmack der Engländer spricht: Kunststoff, das wichtigste Element der Innenarchitektur, blieb auch immer Kunststoff – man machte nicht den Versuch, ihn auf Leder oder Holz umzufunktionieren. Gegen den guten Geschmack spricht die manchmal überreiche Verwendung von Chrom, Stahl und Glas – sicher ein Zugeständnis an das Publikum: Nur was glänzt, darf auch teuer sein.

Wie es sich für einen Musikdampfer der höchsten Kategorie gehört, finden sich an Bord Geschäfte, Bank und Schönheitssalon, Konzertraum, Kino und Tanzpalast, Kinderzimmer, Sauna, Türkisches Bad, mehrere Schwimmbäder und ein Hospital. Was die neue Queen wohl einzigartig macht, ist die Synagoge, die Kunsthandlung (nur moderne Kunst) und eine Sonderausgabe der englischen Tageszeitung "Daily Mail", die unterwegs täglich an Bord gedruckt wird.

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Für die Engländer ist es heute schon sicher: Mit der Queen Elizabeth 2 setzen sie den Schlußpunkt in der Ära der Ozeanriesen. Ihre klassischen Konkurrenten auf dem Nordatlantik, die Amerikaner, Franzosen, Holländer und Deutschen, werden ein Schiff dieser Größenordnung nicht mehr bauen: Der Liniendienst über den Atlantik, traditionelles Ressort der ganz großen Schiffe, lohnt nicht mehr. Das Geschäft machen mehr und mehr die Fluggesellschaften.

Für das immer lukrativer werdende Kreuzfahrtgeschäft aber sind Schiffe wie die Queen zu groß und zu teuer. Die Engländer wissen das. Sie hoffen dennoch, daß ihr Prunkschiff in den nächsten 25 Jahren, solange soll es die englische Flagge auf den Meeren repräsentieren, noch viele "reiche Amerikaner" anlocken wird – für die Fünf-Tage-Reise über den Atlantik und für die Gala-Reise durch die Karibische See.