Der Kampf um den Thron – Seite 1

Von Ernst Weisenfeld

Paris, im Mai

Die Meinungsumfragen sagen einen Sieg von Alain Poher in der zweiten Runde der Präsidentenwahl voraus. Selbst im ersten Wahlgang, in dem noch fünf weitere Kandidaten im Rennen liegen, rückt Poher nach dem Umfrage-Barometer mit 37 Prozent der Stimmen hart an Georges Pompidou, den gaullistischen Bewerber, heran, für den sich 41 Prozent aussprachen – und zwar kurz vor Beginn der Wahlsendungen in Rundfunk und Fernsehen.

Alain Poher, vor Wochen noch ein unbekannter Mann, hat mit einigen Gesten, mit seinem unpathetischen Auftreten und hausbackenen Formulierungen ein nachhaltiges Echo gefunden. In der kurzen Zeit, in der er interimistisch das Amt des Staatspräsidenten ausübt – unauffällig, um Entdramatisierung bemüht, aber gelegentlich auch unbequem gegenüber der alten Regierung –, hat er vielen Franzosen den Gedanken nahegelegt: Wenn der Staat auch so funktioniert, dann doch bitte immer so! Die Zustimmung, die Poher findet, beweist, wie sehr Frankreich am Gaullismus vor allem den Stil leid war.

Über den Inhalt eines neuen Regimes, darüber, mit welcher Regierungsmannschaft und welchem politischen Programm ein Staatspräsident Poher antreten würde, ist bisher noch nicht gesprochen worden. Poher hat hierüber auch in seinen ersten Auftritten vor Mikrophon und Kamera, die seine einzigen Wahlkundgebungen darstellen, noch wenig gesagt – als ginge es nur darum, daß der Staat anders werden müsse, weniger um die Politik. Auch Georges Pompidou hat sich ganz auf das Thema "Regierungsstil" eingestellt. Bei jeder Gelegenheit – das heißt täglich in vier bis fünf Städten – betont er, wie liberal und menschlich er fühlt und wie wenig er den General nachahmen könne, selbst wenn er es wolle.

Pompidous Wahlmanager hoffen, daß die Franzosen spätestens bis zum 15. Juni den Gedanken wieder aufgeben, es könnte einer, der so ist wie sie, auch im Elysée-Palast regieren; die Wahlkampagne müsse ihnen klarmachen, daß mehr dazu gehört. Pompidous zweitwichtigstes Thema ist darum der Mai 1968: Wie er in diesem Sturm seinen Mann stand und wie leicht solche Stürme wiederkehren können. Poher bedankt sich bei Gewerkschaften und Parteien dafür, daß sie seit de Gaulles Abdankung Ruhe halten. Wenn man, so appelliert er an das Volk, gemeinsam ernsthaft an die Arbeit gehe, werde man auch Lösungen für die Probleme finden. Pompidou sieht es anders. "Die Ruhe ist Taktik, sie täuscht", antwortet er, "niemand will jetzt Furcht säen."

Die gaullistische Presse unterstreicht die biedermännischen Züge in manchen Antworten, die Poher auf Fragen von Journalisten gab: "Ich bin vielleicht etwas schwatzhaft" – "Ich bin kein Mann, der alles umkrempelt" – "Sie meinen, ich würde das Parlament auflösen? Ich habe noch nie jemandem gekündigt" – "Früher habe ich Briefmarken gesammelt, jetzt habe ich eine hübsche Sammlung von Steinen."

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Die Waffe der Gaullisten gegen Poher ist der Verdacht, daß er nichts weiter sei als das Zufallsprodukt eines politischen Augenblicks, nur ein Aushängeschild, hinter dem sich widerstreitende Interessen und eine große Programmlosigkeit verbergen. Bisher macht Poher keine ernsthaften Anstrengungen, diesen Verdacht zu entkräften. Was er an Programm erkennen läßt, hält sich weithin in den Grenzen der Änderungen, die man auch bei Pompidou voraussehen kann. Aber es ist nicht sicher, ob die Wähler jetzt von Poher mehr erwarten. Vielleicht vermuten sie hinter seinen mageren Auskünften mehr Bauernschläue als er hat. Er umschleicht das gaullistische Lager wie ein Fuchs. Jeder ist überzeugt, daß er es spalten will, aber nicht schon heute sagen kann, wie er sich das denkt.

Als ein Erfolgsschlager dürfte sich sein einfaches Rezept erweisen, der Staat müsse wieder für alle da sein. Denn hier wartet er mit einem praktischen Beispiel auf: dem staatlichen Rundfunk. Vom ersten Tag an gab es zwischen ihm und der Regierung Couve de Murville Reibungen wegen der Liberalisierung der staatlichen Rundfunk- und Fernsehanstalt. Poher ließ Sendungen absetzen, von denen man eine "Pflege gaullistischen Gedankenguts" erwarten mußte. Einmal verlangte und erreichte er während der Tagesschau telephonisch eine sofortige Ergänzung. Ein anderes Mal polemisierte er schriftlich mit der Regierung wegen des mangelnden politischen Gleichgewichts in den Nachrichtensendungen. Er drohte, er werde sich selbst direkt an die Zuschauer wenden.

Mit solchen Angriffen schürt er den Verdacht, daß die Gaullisten den Staat als ihr Eigentum behandelten. Er verfügt noch über ein anderes Beispiel, um diese Behauptung zu stützen; aber damit geht er vorsichtiger um, weil es das persönliche Ansehen de Gaulles berührt. So hört man von ihm selbst nur Andeutungen darüber, wie er den Elysée-Palast vorfand, aber aus anderen Quellen erfuhr man es anschaulich genug: wie den aufgelassenen Lagerplatz eines Nomadenhäuptlings, der gelernt hat, spurlos zu verschwinden. Keine Akte war in den Panzerschränken. Sie waren nach Colombey-les-deux-Eglises abtransportiert worden.

So etwas hilft dem Kandidaten Poher gegen den Thronprätendenten Pompidou. Aber reicht es aus? – Die Frage, ob Poher vielleicht nur ein Dilettant der Macht sei und ob sie es wagen können, ihm den Vorzug vor dem Routinier Pompidou zu geben, wird für viele Franzosen zum Gewissenskonflikt.

Er wird nicht leichter durch den Aufmarsch, der sich auf der Linken vollzogen hat. Da stehen nicht nur vier aussichtslose Bewerber, sondern da steht plötzlich neben dem sozialistischen Kandidaten Gaston Defferre ein für viele immer noch faszinierender Mann: Pierre Mendès-France. Der ehemalige Ministerpräsident wird von Defferre als zukünftiger Premierminister vorgestellt. Damit steht vor den Wählern sofort eine andere Konzeption des Staates, eine Exekutive, in der die Regierung wieder mehr Gewicht hat als der Staatspräsident. Und natürlich erhalten sie auch sofort ein Regierungsprogramm.

Das ist eine Herausforderung, mit der Georges Pompidou leichter fertig wird als Alain Poher – aber gegen Pompidou ist sie auch vor allem gerichtet.

Die Kandidatur Defferre/Mendes-France ist in erster Linie ein Phänomen in der Entwicklung der französischen Linken – einer Linken, die sich aus dem Kampf um die Nachfolge de Gaulles herausmanövriert hat. Aber sie liefert sich ein aufregendes internes Tauziehen um den dritten Platz. Es wird für Ihre Zukunft wichtig sein, wer die meisten Wähler erhält; der kommunistische Kandidat Duclos oder das nichtkommunistische Tandem. Es ist ein Glaubensbekenntnis von Politikern wie Defferre, Mendès-France und Guy Mollet, die man hier endlich wieder gemeinsam zitieren kann, daß die Linke in Frankreich erst dann erneut Zulauf aus der Mitte bekommt, wenn die Kommunisten in ihr eindeutig die zweite und nicht die erste Kraft darstellen.

Von solchen internen Überlegungen abgesehen, ist die Linke an diesem Wahlkampf so wenig beteiligt, daß sich Frankreich auch den Luxus von Alain Krivine leisten kann. Der siebenundzwanzigjährige Rekrut, der den Typ des scharf diskutierenden ewigen Studenten darstellt, ist Trotzkist und erklärt in hundert Werbeminuten am staatlichen Fernsehen und Rundfunk, daß Wahlen Volksbetrug seien und daß er darum auch nur zum Schein kandidiere. Die einzige Form demokratischer Machtergreifung sei die Bewaffnung der Massen, die Besetzung der Fabriken und der Sieg der Ideen, für die man im vergangenen Mai Barrikaden gebaut habe. Bei seinem öffentlichen Auftreten vor den Fabriktoren von Renault schrien ihn die Kommunisten nieder.