Von Rolf Zundel

Bonn, im Mai

Noch nie ist seit Bestehen der Großen Koalition im Bundestag so scharf debattiert worden wie letzte Woche in der Aktuellen Stunde, als die Entscheidung der Bundesregierung, die Mark nicht aufzuwerten, zur Diskussion stand. Vergeblich versuchte Rainer Barzel, der Fraktionschef der Unionsparteien, sich und andere zu Ruhe und Gelassenheit zu ermahnen; nach der Rede von Franz Josef Strauß hing der Koalitionssegen schief.

Dabei hatte die Debatte relativ ruhig begonnen. Helmut Schmidt hatte in einer fast an Selbstentäußerung grenzenden Sachlichkeit die Haltung der SPD-Fraktion dargestellt. Strauß antwortete darauf mit Polemik schweren Kalibers. Ebenso ungeniert wie im Umgang mit der Zeit – er lieferte nicht nur weitaus am meisten Beiträge zur Debatte, er überschritt auch die in der Aktuellen Stunde vorgeschriebene Fünf-Minuten-Grenze am weitesten – verfuhr Strauß mit der Rede des SPD-Fraktionsführers. Ihr Inhalt kümmerte ihn nicht, sie war ihm nur Anlaß, drauflos zu dreschen.

Daß Strauß den SPD-Fraktionschef mißverstanden haben sollte, ist unwahrscheinlich. So bleibt nur der Schluß, daß der CSU-Vorsitzende es bewußt auf eine Provokation der Sozialdemokraten angelegt hatte. Eine solche Taktik wäre für ihn durchaus sinnvoll. Je härter die Auseinandersetzung wird – und mit der herannahenden Wahl wird der Umgangston zwangsläufig rauher werden –, desto mehr Chancen hat er, zum Wortführer in der Union zu werden. Er kann es sich sogar, im Gegensatz zu Kiesinger, leisten, die Koalition vorzeitig zerbrechen zu lassen. Daß Strauß seit einiger Zeit mit diesen Gedanken spielt, ist kein Geheimnis.

Hier zeigt sich, daß die Interessen des Kanzlers und seines CSU-Finanzministers nicht ganz identisch sind. Auch in der Debatte wurde das sichtbar. Kiesinger focht zwar erbittert mit den Freien Demokraten, vermied aber den frontalen Zusammenstoß mit der SPD. Er versucht offenbar, möglichst lange das Image des über den Koalitionsparteien stehenden Kanzlers zu erhallten. Das hindert ihn freilich nicht, ebenso wie Strauß, wenn auch auf elegantere Weise, den Wahlkampf seiner Partei zu besorgen. Sein Kernsatz, es gehe vor allem darum, die Spekulationswelle zu brechen, darf zu jenen genialen, werbewirksamen Vereinfachungen gerechnet werden, mit denen schon Konrad Adenauer die besten Wahlerfahrungen gemacht und die Sozialdemokraten zur Weißglut geärgert hatte. Mag man von Kiesingers Kanzlereignung halten was man will – ein geschickter Wahlkampftaktiker ist er auf jeden Fall.

Für Kiesinger ging es freilich in der letzten Woche nicht nur um die Währung, nicht nur um den Wahlkampf, sondern, und das gewiß nicht zuletzt, um sich selbst, um seine Stellung in der Unionsfraktion. Er wußte, daß sogar seine eigenen Parteifreunde ihm mangelnde Entschlußkraft und Kampfesfreude vorwerfen; und er war sich auch darüber im klaren, daß er einem so gefährlichen Mann wie Strauß nicht allein den Triumph über die SPD lassen durfte. Diese Feder mußte er sich selbst an den Hut stecken.