Von Rolf Zundel

München, im Mai

Wer die ersten Tage des DGB-Kongresses in München erlebt hat, muß sehr an sich halten, um den Gewerkschaften nicht unrecht zu tun. Er muß sich immer wieder ins Bewußtsein rufen, wie notwendig, wie unentbehrlich die Gewerkschaften sind und wieviel sie durch ihre besonnene Politik zum Wohlstand der Bürger und zur politischen Stabilität beigetragen haben. Die vom Vorstand des DGB verordnete und von vielen Delegierten akzeptierte Langeweile wäre sonst kaum zu ertragen.

Welche Organisation sonst kann es sich schon leisten, eineinhalb Tage mit Begrüßungsreden und einer Serie von wenig – oder nichtssagenden Rechenschaftsberichten zuzubringen? In München galt zunächst einmal die Parole "Ruhe ist die erste Gewerkschaftspflicht", mindestens soweit die eigene Organisation betroffen war. Als die Reformer gleich zu Anfang die Diskussion erzwingen wollten, brachten sie sofort eine ganze Phalanx von Ruhebedürftigen gegen sich auf.

Ein Delegierter der Postgewerkschaft hatte wider den Stachel der herrschenden Meinung auf dem Kongreß gelockt, nicht zufällig. Sein stellvertretender Vorsitzender Kurt Gscheidle war vor einigen Monaten für den DGB-Vorsitz nominiert und später wegen Reformfreudigkeit und einem Barbesuch als ungeeignet befunden worden. Der Delegierte – stellte den Antrag, die Tagesordnung so zu ändern, daß zuerst über die Satzungsänderung, also über die DGB-Reform, gesprochen und dann erst der neue Vorsitzende gewählt werden sollte.

Ein Kollege der Gewerkschaft Holz und Kunststoff – sie ist zusammen mit der mächtigen IG Metall, die ein Drittel der Delegierten stellt, besonders hartnäckig in ihrem Widerstand gegen eine Stärkung der DGB-Spitze – antwortete ihm mit dem ältesten Argument des Establishments: mit der Warnung vor der Beschmutzung des eigenen Nestes. Der Streit um die Nachfolge des Kollegen Rosenberg habe, so meinte er, das Amt des DGB-Vorsitzenden herabgewürdigt. "Das elende Hickhack der letzten Wochen und Monate", so sein Appell, "soll nicht auch noch in diesen Bundeskongreß hineintranportiert werden."

Mancherlei kluge Vorsorge war getroffen worden, um kritische Themen zu entschärfen – formal und materiell. Formal, indem über Empfehlungen der Antragskommission grundsätzlich zuerst abgestimmt wurde, gleichgültig, ob es weitergehende Anträge gab; materiell, indem die Antragskommission empfahl, daß alle Anträge zur Satzungsreform einer neu zu bildenden Kommission überwiesen werden sollten. Das ist schon ein starkes Stück.