In Dorfen schnitt gleich der erste Diskussionsredner, ein Münchner, Arzt, temperamentvoll einen der strittigen Punkte des alten Themas an:

Er meinte, daß die von der Kur Zurückgekehrten zwar vier Wochen lang brav ihre Bäder, Massagen, Diäten, Übungen und Waldläufe mitgemacht, womöglich sogar Alkohol und Nikotin gemieden hätten, sich aber zu Hause wieder möglichst schnell in die alten Gewohnheiten, wenn nicht Laster, stürzten – und da müsse der schönste Kurerfolg zum Teufel gehen.

Professor Jungmann selbst hatte die Frage schon zuvor indirekt beantwortet: Bei dem Umsichgreifen der psychosomatischen Krankheiten, wahrscheinlich hat nur ihre diagnostische Erkenntnis um sich gegriffen, sei die psychologische Komponente bei einer Heilkur fast unerläßlich. Die Weiterentwicklung der Kurbäder sollte daher außer geheizten Schwimmbädern, ansteigenden und ebenen Spaziergängen, ärztlich dosierten Sportmöglichkeiten und den altgewohnten Kurmittel-Anwendungen auch den Gang zum Psychotherapeuten vorsehen.

Es wäre denkbar, daß die psychische Beratung ebenso nachwirkt wie die eigentliche Kur und eine Änderung der Lebensführung bewirkt.

Natürlich ersetzt der Psychotherapeut nicht den Kurarzt, der von mancher Seite heute leicht abschätzig nur "Badearzt" genannt wird. Aber auch hier ist allerhand zu bemängeln. Professor Jungmann berichtete, daß es bei uns keine Kur-Fachärzte gibt, Kurenkenntnis ist auch kein medizinisches Prüfungsfach. Was Wunder, daß es Feldeinweisungen und Behandlungen mit keiner oder sogar mit negativer Wirkung gibt. Fachärzte müßten schon zu Anfang über die Notwendigkeit der Kur (auch über das Wo! Wenn man die Eäderprospekte liest, entsteht häufig der verwirrende Eindruck, daß jedes Heilbad für sämtliche Leiden passend sei) und über den richtigen Zeitpunkt des Kuranfangs befinden und an Ort und Stelle für optimale Durchführung sorgen.

Daß die Märchenvorstellungen von mittelalterlichen Jungbrunnen und Badestuben, garniert mit Wohlleben, Kurkonzert und drei Heilbädern pro Woche, noch im Unterbewußtsein spuken – möglicherweise beruht die völlige Verständnislosigkeit der injektionsfreudigen ärztlichen Behandlungen in den Vereinigten Staaten gegenüber europäischen Heilbädern mit darauf – wurde kurz erwähnt und eben daraus das gegenteilige Konzept der modernen Kur entwickelt. Gesundes Klima, reine Luft, Lärmschutz, Übungsbehandlungen, wozu Kranken- und Atemgymnastik, Inhalationen und vieles mehr gehören, – das sind Heilfaktoren, die eine ambulante Behandlung am Wohnort nie bieten kann. Rehabilitationserfolge beispielsweise nach Herzinfarkten können ebenso belegt werden wie die klimatisch bedingten Besserungen bei Bronchiten nach Kuren in Wyk auf Föhr oder Bad Reichenhall oder die Heilung oder wenigstens Stoppung arthritischer Erkrankungen in Füssing, Gastein, Abano, ohne daß damit in den Streit um die Direktwirkung von Heilquellen- oder Mooren eingegriffen werden müßte.

Professor Jungmann sieht den Idealfall in der Kombination: Übungsbehandlung (Massage "übt" die Muskulatur, Atemgymnastik die Lunge), Heilbäderanwendung, Diät, Wechsel von Reiz und Entspannung, medikamentöse Behandlung. All dies unter einer ständigen, gewissenhaften ärztlichen Kontrolle. Insbesondere Behinderte oder ältere Leute bedürfen dazu eines Kuraufenthaltes; wie sollen sie von der Wohnung aus die medizinischen Bäder oder Bewegungsbäder der städtischen Krankenhäuser erreichen. Unsere Großstädte vermögen ja noch nicht einmal die für alle Altersklassen so nötigen Schwimmbäder außerhalb des Hochsommers in annähernd genügender Zahl anzubieten.

Und dann: Die beste ambulante Behandlung, falls sie überhaupt möglich ist, ersetzt nicht das Plus des Milieu-Wechsels, die Entfernung vom Arbeitsplatz, von der Ruhelosigkeit des Stadtlebens in schlechter Luft – und die Entfernung von der Familie. Über Erfahrungen auf diesem Gebiet kann gerade das Müttergenesungswerk mit reichlichem Material aufwarten: 1967 litten 18,9 Prozent der kurenden Mütter an Gallen-, Leber- und Magenerkrankungen, 16,5 Prozent an Rheuma und Arthrosen, 11,3 Prozent an Bandscheibenschäden, 9 Prozent hatten erkrankte Atmungsorgane, Aber: bei 49,9 Prozent handelte es sich um nervöse Erschöpfung-und neurovegetative Störungen, bei 46,8 Prozent um Kreislauf- und Herzschäden, bei 35,4 Prozent um körperliche Erschöpfung. (Gesamtzahl der in Müttergenesungsheime. eingewiesenen Frauen 88 000 im Jahr 1967.) Weil nun in vielen Fällen "Tapetenwechsel" und Entlastung überarbeiteter Mütter allein nicht ausreichen, um ihre Gesundheit wiederherzustellen, müssen immer mehr Genesungsheime des Müttergenesungswerkes unter vielen Mühen und Opfern in Heilkurheime umgewandelt werden. Martha Maria Gehrke