Von Jutta Wilhelm!

Kaum zwei Schritt vorangekommen, setzt man sich schon wieder nieder zu selbstgefälligem Rückblick – so manifestiert sich Reform in unserer Gesellschaft, vor allem auch, was die unserer angeht. Wen erstaunt es da noch, wenn er im Evangelischen Staatslexikon von 1966 wenn "Nachdem das Ziel der Gleichberechtigung im wesentlichen erreicht ist, Beschwernisse und überlebte Formen überwunden sind, macht sich mit der Erfüllung anspornender Zielsetzungen auch der Fortfall fruchtbarer Spannungen im Verhältnis der Geschlechter enttäuschend bemerkbar."

"Enttäuschend bemerkbar" macht sich hier nur eine soziale Kurzsichtigkeit, der man fast schon Blindheit attestieren kann. Oder will man etwa behaupten, mit der juridischen Gleichstellung der Frau sei sie bereits auch praktisch erfüllt? Immer noch besitzt "die Frau" in unserer Gesellschaft, obgleich Majorität, den Anstrich einer Minorität, in Gehabe, sozialer Wert- und Selbsteinschätzung.

Zwar hat sie laut Verfassung wie jeder Mensch das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit. Artikel 3, Absatz 2, des Grundgesetzes sagt lapidar: "Männer und Frauen sind gleichberechtigt." Doch das trügt. Die sogenannte Emanzipation brachte der Frau keineswegs die volle Gleichberechtigung; sie brachte ihr neue Pflichten, ohne überkommene abzubauen. Nach dem Motto "gleiche Rechte, doppelte Pflichten" ging die Rechnung plus minus null auf. Denn indem man ihr das eine gab, ohne sie vom anderen zu entlasten, blieb alles beim alten. Die Emanzipation der Frau hat also durchaus einen tragischkomischen Akzent.

In Zahlen sieht das so aus: Nach der Volkszählung vom 6. Juni 1961 gab es 30 Millionen Frauen und 27 Millionen Männer. Jede dritte berufstätige Person war eine Frau, doch bisher nehmen nur wenige führende Positionen ein. Im Lehrkörper der Universitäten stellen sie knapp zwei Prozent. Im höheren Beamtendienst liegt der Prozentsatz nicht viel höher. In den Ministerien des Bundes gab es 1965 1225 Referate, davon 25 mit Frauen besetzt; unter 125 Unterabteilungsleitern, 104 Abteilungsleitern, 23 Staatssekretären befand sich damals keine Frau. Heute gibt es einige, sogar in der Diplomatie; aber es sind eben nur "ein paar".

Noch immer besuchen weit weniger Mädchen als Jungen weiterführende Schulen. Weibliche Berufstätige haben eine weniger qualifizierte Berufsausbildung als männliche Berufstätige. Noch immer erhalten Frauen für gleiche Arbeiten zwischen fünf und 25 Prozent weniger Lohn als ihre männlichen Arbeitskollegen. 20 Prozent der Mädchen verzichten überhaupt auf eine Berufsausbildung, dagegen nur 6,5 Prozent der Jungen. Ein Viertel aller Studierenden sind Mädchen. Kaum die Hälfte schließt mit einem Examen ab.

Dabei sind drei Millionen mehr Frauen als Männer wahlberechtigt. Und trotzdem sind im Deutschen Bundestag von 518 Abgeordneten 36 Frauen. Wie kommt es, daß die Frau sich immer wieder auf Heim und Herd verweisen läßt?