Schweigen wäre jetzt Gold; aber wenn über Aufwertung weiter diskutiert wird, dann wenigstens sachlich und fair

Wer wird auf Fritz Dietz hören? Leider steht zu befürchten, daß der Verbandspräsident des Deutschen Groß- und Außenhandels mit seinem Appell, nun nicht ständig, weiter über Aufwertung zu streiten, nur wenig Widerhall finden wird. Schweigen wäre jetzt; Gold, weil Spekulationen darüber, ob und wann der Wechselkurs der Mark doch noch geändert wird, die hektische Unruhe an den Devisenmärkten nur noch fördern.

Von Beruhigung aber ist nichts zu spüren. Im Gegenteil: Befürworter und Gegner der Aufwertung stehen sich unversöhnlicher gegenüber als je zuvor. Jeder verkündet, im Besitz der alleinigen Wahrheit zu sein, bezeichnet seine Widersacher als Ignoranten oder Schlimmeres – ist selbst aber höchst empfindlich gegen Kritik.

Die CDU versucht gar nicht erst, der Versuchung zu widerstehen, die "Niederlage" von Karl Schiller weidlich auszukosten. Manche Unionspolitiker scheinen sehnsüchtig auf einen Preisanstieg zu warten, um der SPD dann "Inflationspolitik" anlasten zu können. Andere sprechen davon, Schiller habe uns durch die "Übertreibungen seiner Wachstumspolitik" erst in den Boom hineingesteuert. Als ob nicht alle froh darüber wären, daß wieder Vollbeschäftigung und Hochkonjunktur herrschen. Nein, durch Hinterlist und Flüsterpropaganda wird die Union nicht vergessen machen können, daß sie Schillers "Neuer Wirtschaftspolitik" heute nichts entgegenzusetzen hat – keinen Mann und kein Programm.

Politiker denken nur noch an die Wahlen – was alles erklärt, wenn auch nichts entschuldigt. Doch warum reagieren auch die Experten so gereizt?

Die fast 100 Professoren der Nationalökonomie, die gegen den Verzicht auf eine Mark-Aufwertung protestiert haben, erheben den Vorwurf gegen die Bundesregierung, sie habe sich bei ihrer Entscheidung von "Gruppeninteressen und wahltaktischen Rücksichten" leiten lassen. Wer so harte, politisch brisante Formulierungen wählt, muß auf ebenso entschiedenen Widerspruch gefaßt sein. Als aber ein Mitglied der Regierung, als Franz Josef Strauß in München in heftigen Worten Kritik an dem Votum der Professoren übte, zeigten sich manche der Unterzeichner über diesen "Angriff der Politik auf die Wissenschaft" höchst empört.

Gewiß, der Vorwurf der "Meinungsmanipulation", den Strauß erhoben hat, ist hart. Aber können sich die Mitglieder des Sachverständigenrates, die den Appell mit unterschrieben haben, wirklich darüber wundern, daß ein solcher Eindruck in der Öffentlichkeit entstanden ist? Bis heute ist nicht geklärt, welche Vorgänge zum Ausscheiden des Aufwertungsgegners Professor Stützel aus dem Rat der "Fünf Weisen" geführt haben. Und was soll der schulmeisterliche Vorwurf, "andersdenkende Gelehrte" hätten es "verabsäumt", ihre Auffassung rechtzeitig der Öffentlichkeit bekannt zu machen? Nun, in dieser Ausgabe der ZEIT äußert sich Professor Edgar Salin (Seite 28, "Die Aufwertung hätte nichts genützt").

Vielleicht gelingt es doch noch, wenigstens außerhalb des Wahlkampfes, die Diskussion über Für und Wider einer Aufwertung sachlich und fair zu führen. Diether Stolze