Die Sozialpartner sind bis heute Gefangene ihrer Vorurteile

Von Christian Troebst

Wer von Amts wegen zwischen den Fronten der Sozialpartner operieren muß, der gerät immer häufiger an den Rand der Verzweiflung. Er sieht heute diesem und morgen jenem ins Auge und meint, keinen Argwohn darin zu entdecken. Aber wenn er dann die Verbandspresse aufschlägt oder irgendwelche Kongreßreden hört, dann sträuben sich ihm die Haare.

Persönliche Erfahrung hat ihn gelehrt, daß Integrität, gesunder Menschenverstand und Kompromißbereitschaft auf beiden Seiten dominieren. Und doch wird ihm immer wieder hinter vorgehaltener Hand zugeflüstert, daß die Drahtzieher auf der anderen Seite in Wahrheit harte Killer seien, die sich vor gar nichts fürchten.

Entweder – so sagt er sich – ist er selber geschlagen mit einer unheilbaren sancta simplicitas und darum unfähig, die wahren Motive der Arbeitgeber und der Gewerkschaftsführer zu durchschauen; oder aber jene werden wechselweise heimgesucht von Anfällen eines partiellen Irreseins, indem sie sich – je nach der politischen oder wirtschaftlichen Lage – heute als Schlange und morgen als Karnickel fühlen.

Wer seid ihr wirklich? – so fragt er sich, so fragt sich die Gesellschaft. Die Karten müssen einmal auf den Tisch, das Volk hat ein Recht darauf zu erfahren, woran es ist. Mag das Folgende in vielen Ohren absurd und abstrus klingen, es ist dennoch die Wahrheit, wie sie sich dem darstellt, der zwischen den Fronten pendelt.

Von Funktionären der Gewerkschaft kann man häufig hören, der Arbeitgeberseite gehe es in letzter Konsequenz nur um die schrankenlose Macht. Darum passe den Unternehmern die ganze Richtung nicht, die Demokratie nicht und das Grundgesetz nicht, die Gewerkschaften natürlich erst recht nicht. Die Unternehmer wollen – so sagen sie – nichts wissen von Meinungsfreiheit in den Massenmedien, von Innerer Führung in der Bundeswehr, von Reformen des Bildungswesens oder der sozialen Sicherheit. Das alles sei in ihren Augen Humanitätsduselei, denn sie wollten ein Volk, das dumm und fleißig ist.