Von Alex Natan

Roger Manvell-Heinrich Fraenkel: "The Canaris Conspiracy; The Secret Resistance in the German Army"; Verlag Heinemann, London 1969; 268 S., 50 sh

Das britische Autorenpaar Roger Manvell und Heinrich Fraenkel, die ihren Landsleuten die verläßlichsten Werke zur deutschen Zeitgeschichte geschrieben haben, legt ein neues Buch vor, dessen Titel etwas irreführend ist. Der Untertitel macht es klarer, worauf es seinen Verfassern ankommt: eine Schilderung des geheimen Widerstandes deutscher Militärs gegen die Diktatur Hitlers. Sicherlich hat Admiral Canaris, der Chef der deutschen Abwehr, dabei eine sehr wichtige Rolle gespielt, doch ist es eine Frage der Perspektive, für wie ausschlaggebend man diese Rolle halten will.

Beide Verfasser sind dem amerikanischen Professor Harold C. Deutsch für sein Buch The Conspiracy against Hitler during the Twilight War ( s. nebenstehende Rezension) verpflichtet, das sie gelesen haben, als ihr eigenes Manuskript bereits beendet war. Deutsch stellt Oberst Hans Oster in den Mittelpunkt der Widerstandsorganisation und weiß viel Neues über die doppeldeutige Haltung des gewöhnlich als Nazifreund verdächtigten. Generals von Reichenau zu sagen, den Manvell/Fraenkel noch nicht einmal in ihrem Personenregister erwähnen. Dafür haben sie die privaten Briefe des Canaris-Mitarbeiters Hans von Dohnanyi verwenden können, die es ihnen gestatten, ein helles Licht auf die menschlichen und politischen Qualitäten dieses Juristen und Widerstandskämpfers zu werfen, der dann auch mehr und mehr in den Vordergrund ihrer Darstellung rückt.

Außerdem haben beide Verfasser einen Teil der von Deutsch entdeckten, noch unveröffentlichten Papiere des Obersten Groscurth einsehen dürfen. Die dadurch gewonnenen neuen Perspektiven in der Beurteilung des deutschen Widerstandes sind für die englische Einstellung deswegen wichtig, weil in Großbritannien die ehrlichen Absichten der Opposition gegen Hitler von vielen bezweifelt werden.

In britischen Veröffentlichungen findet man immer wieder die Behauptung, der deutsche Widerstand gegen Hitler sei erst dann (und dazu noch schlecht) organisiert worden, als die Niederlage Deutschlands unabwendbar geworden war. Es ist das unbestreitbare Verdienst der Autoren dieses Buches, dokumentarisch nachzuweisen, wie stark der Widerstand gegen Hitler seit 1938 angewachsen ist. Allerdings unterdrücken die Autoren den Hinweis, daß es dem Militär niemals so gut wie unter Hitler ergangen ist und der eigentliche Widerstand erst einsetzte, als – während der Sudetenkrise – das Menetekel sichtbar wurde.

Ein großer Teil des Buches besteht aus langen Zitaten der Briefe, Tagebücher und Zeugenaussagen der beteiligten Personen, eine Dokumentation, die sich schon deswegen rechtfertigen läßt, weil es darum geht, den ausländischen Leser von dem heroischen Mut einer kleinen Minderheit zu überzeugen, wobei man allerdings streiten kann, wie weit die Aussagen Gisevius’ verläßlich sind.