Von Dominik Horodynski

Die Redaktion der "ZEIT" bat mich um eine Rezension des Buches

Hansjakob Stehle: "Nachbar Polen"; erweiterte Neuausgabe, S. Fischer-Verlag, Frankfurt 1968; 435 S., 16,– DM

Ich entspreche diesem Wunsch um so lieber, als ich den Autor seit vielen Jahren kenne und seine politische Publizistik schätze – obwohl ich oft nicht mit seinen Ansichten übereinstimme; aber auch deshalb, weil ich alles, was die deutschpolnischen Beziehungen angeht, für ebenso wichtig für Polen und Deutsche wie für eine dauerhafte friedliche Lösung der europäischen Probleme erachte; eine ähnliche Überzeugung findet sich auch im Buch Stehles.

Nicht zum erstenmal beschäftige ich mich mit "Nachbar Polen"; als das Buch, das jetzt vom Autor erweitert und aktualisiert wurde, 1963 zum erstenmal erschien, schrieb ich darüber in der Warschauer Wochenzeitung "Polityka" und wies darauf hin, daß der Titel irreführend ist. Stehle behandelt nämlich die deutsch-polnischen Beziehungen ausschließlich aus dem Blickpunkt der Bundesrepublik, die nicht der Nachbar Polens ist. Polen grenzt an die Deutsche Demokratische Republik, und es mißt dieser Tatsache grundsätzliche Bedeutung zu – was ich hier nicht besonders unterstreichen muß; doch scheint mir dieser Hinweis auf etwas allgemein Bekanntes nötig, um Mißverständnisse zu vermeiden. Um so mehr, als ich mit den folgenden Sätzen auf den letzten Seiten des Buches ganz übereinstimme: "Deutsche und Polen bleiben Nachbarn. In ihrem Verhältnis liegt einer der Schlüssel zum Frieden Europas."

Nun zu der Arbeit selbst: Um mit den kritischen Bemerkungen zu beginnen, so könnte ich, wenn ich kleinlich sein wollte, eine ganze Liste von Einwänden erheben. Stehle, der lange Jahre als Korrespondent in Polen akkreditiert war, konzentriert sein Interesse auf das Regierungszentrum Polens und auf das intellektuelle Milieu der Hauptstadt. Das führt zu einer typischen Verzerrung der Betrachtungsweise, wie sie mit dieser Tätigkeit verbunden ist und wie ich sie selbst als polnischer Korrespondent in Rom kenne. Die Folge ist, daß seinem Blickfeld viele grundsätzliche soziologische und wirtschaftliche Veränderungen in Polen entgehen, und daraus ergeben sich verschobene Proportionen. Wichtig werden persönliche, oft unrichtige Gerüchte (dem polnischen Leser fällt dies besonders unangenehm in dem Teil des Buches auf, der den inneren Verhältnissen in der Partei gewidmet ist). So wird auch der Problematik der Beziehungen zwischen Staat und Kirche ein – gegenüber der Wirklichkeit – unverhältnismäßig breiter Raum gewidmet.

Hier ein Beispiel der Folgen solcher "Betrachtung von oben": Stehle behandelt ausführlich die Zwistigkeiten in den intellektuellen Kreisen Warschaus, zu denen ich selbst in gewissem Sinne gehöre. Jede Hauptstadt hat ihren "literarischen Salon" mit seinem Klatsch. Aber der Autor dringt so sehr in das – natürlich bunte, schöpferische und interessante – Leben dieses Milieus ein, daß er das, was zweifellos zu einer der größten Errungenschaften Volkspolens gehört, nicht mehr wahrnimmt: die Kultur- und Bildungsrevolution, den leichten Zugang zu jeder Art von Ausbildung, die allgemein gewordene höhere Schule, die Qualität der Universitäten, die billigen Bücher und Zeitschriften, den Lerneifer, der die Gesellschaft ergriffen hat. Wie schwierig es ist und wieviel es kostet, eine solche Bildungsrevolution zu vollbringen, wird mir fast täglich vor Augen geführt in diesem Italien, wo ich arbeite und wo nach den letzten Statistiken die Hälfte der Bevölkerung überhaupt nichts liest, nicht einmal Pfarrblätter, wo Bücher ungewöhnlich teuer sind und die Kinder von Arbeitern und Bauern unter den Studenten zwölf bis fünfzehn Prozent zählen. Es ist zum Beispiel wenig bekannt, daß die in Warschau durch die Pax-Vereinigung herausgegebene katholische Tageszeitung "Slowo Powszechne" eine fast doppelt so hohe Auflage hat wie die Vatikanzeitung "Osservatore Romano", die in der ganzen Welt gelesen wird und zur Pflichtlektüre der katholischen Geistlichkeit gehört...