Ivo Malec: "Sigma/Miniatures pour Lewis Carroll/Cantate pour elle/Dahovi"; Colette Herzog (Sopran), Francis Pierre (Harfe), Sinfonieorchester des Südwestfunks, Leitung: Ernest Bour; Philips 836 891 DSY, 25,– DM

Ivo Malec: "Oral" und Maurice Ohana: "Synaxis"; Pierre Rousseau (Rezitation), Orchestre Philharmonique de L’ORTF, Leitung: Charles Brück; Electrola/Erato STU 70431, 25,– DM

Ivo Malec wurde 1925 in Zagreb geboren, er studierte zunächst an der Universität Kunstgeschichte, dann an der Musikakademie Komposition, gewann den "Preis der Stadt Zagreb", wurde Direktor der Sommersaison der Oper von Rijeka – das nennt er sein "älteres" Leben. Mit dreißig ging er – sein anderes Leben – nach Paris, wurde Schüler von Messiaen und Pierre Schaeffer und arbeitete bei der "Groupe de Recherches Musicales".

Mit dieser mehrschichtigen Schulung mag es zusammenhängen, daß Malec die verschiedenen Elemente neuerer Musiksprache sowohl auszubauen wie zusammenzufügen sucht. In "Dahovi" – 1961 – (serbokroatisch: "atmen") arbeitet er mit elektronischem "farbigen" Rauschen, es schnauft und zischt in breiter und schmaler werdenden Frequenzbändern; "Sigma" – 1963 – hingegen ist eine Komposition für sehr farbiges großes Orchester, impulsive Klänge, reich an Emotionen und dynamischen Spannungen. Die "Miniaturen" – 1964 – wiederum machen Musik mit nur ganz wenigen Tönen, Abbreviaturen sind es von äußerster Ökonomie der Mittel. "Oral" – 1966 – demgegenüber ist wieder groß besetzt, und der aphoristische Text (aus "Nadja" von Breton) fügt große Gesten hinzu, Schreie, Sequenzen der Ekstase, surrealistische Eruptionen. Die Verbindung von allem, von elektronischem und natürlichem Klang, von Instrument und Stimme, von Text und Vokalise ist in der "Cantate" – 1966 – vollzogen, dem vielleicht besten der hier vorgelegten fünf Stücke, besonders eindrucksvoll ist hier die Annäherung und Verschmelzung der heterogenen Materialien gelungen: Malec liefert keine Rechenschieber-Kunst, sondern phantasievolle Klangspiele von Niveau. Musikalisch wie aufnahmetechnisch ist demjenigen, der sich nur zu einer der beiden Platten entschließen möchte, unbedingt zu der Philips-Aufnahme zu raten. Heinz Josef Herbort