Von Horst Krüger

Warum habe ich mich auf diese Neuerscheinung eingelassen? Weil es tatsächlich dieses Phänomen gibt, das Gerhard Zwerenz, vielleicht etwas zu großartig in der Formulierung, "Die Lust am Sozialismus" nennt.

Seit etwa zwei Jahren erleben wir, daß der Begriff Sozialismus, durch die bürokratische Praxis des Sowjets diskreditiert und in ein langweiliges Grau eingefärbt, bei uns jetzt eine neue dynamische und libidinöse Aufladung erfährt. Rot wird vielleicht wieder schön?

Auf jeden Fall ist Sozialismus bei der Jugend, aber auch in den kritisch-fortschrittlichen Schichten anderer Altersgruppen nicht mehr, was er doch in den fünfziger Jahren war: ein Schreckgespenst, Das Wort wandelt sich in seiner Wertigkeit. Für viele ruft es keine Angst mehr hervor. Es signalisiert wieder, was es historisch immer sein wollte: die Hoffnung auf eine gerechtere,. freundlichere Gesellschaft mitmenschlicher Solidarität. Wie müßte ein solcher verjüngter, modernisierter Sozialismus aussehen? Könnte das Prager Modell, die italienische KP, Titos Sozialismus Hinweise geben? Für die Neue Linke in unserem Land müßte es auf jeden Fall wichtig sein, sozialistische Gesellschafts-Utopien mit Vernunft und Phantasie zu erarbeiten.

Von solchen Perspektiven, die man unter Marxisten, Soziologen, Politologen diskutieren könnte, wird man in der neuen Schrift von

Gerhard Zwerenz: "Die Lust am Sozialismus – Ein Wahlgeschenk"; Streit-Zeit-Bücher 6, Heinrich Heine Verlag, Frankfurt; 128 6,– DM

freilich nichts finden. Es bietet auf gut hundert großgedruckten Seiten ein linkes Allerlei, das mich an die bürgerliche Form des Potpourris erinnert – Querschnitt durch eine Revolutionsoper, für jeden etwas. Mangelnde Einsicht in die Komplexität eines wirklich modernen Sozialismus wird durch sprachliche Kraftakte ersetzt. Wenn Stil je verräterisch war, dann hier: Zwerenz’ Stil schwankt zwischen einer umständlichen, pseudosoziologischen, steifen Dozentensprache ("Sind wir auch in der Lage, das alte sozialistischmarxistische Axiom von der Notwendigkeit, die Produktionsmittel zu vergesellschaften, unvoreingenommen zu prüfen, aber in Kenntnis der heutigen Situation in Ost und West, so gelangen wir doch zu widersprüchlichen Schlüssen") und einem kolossalen Leitartikel-Pathos ("Die Sozialisten haben nicht mehr viel Zeit zu verlieren. Entweder sie erstarken zu der Kraft, die den Weltuntergang aufhält, oder sie gehen, in der Umarmung des Bürgertums, mit diesem unter").