Von Heinz Josef Herbort

Wieviel Geheimnisse er wisse, will der Goldene König von dem Mann mit der Lampe hören. Drei. Und welches davon das wichtigste sei? Das offenbare. Ob er es eröffnen wolle? Sobald er das vierte erfahre. Drauf nähert sich die Schlange dem Mann und zischt ihm etwas ins Ohr. Und der Mann mit der Lampe eröffnet, "mit Kraft" eine Melodie aus sechs Tönen singend, das offenbare Geheimnis des Abends: "Es ist an der Zeit!"

Wie in seinen früheren Opern habe er, schreibt der Detmolder Kompositionsprofessor Giselher Klebe – und der handgeschriebene Brief ist faksimiliert dem Programmheft beigefügt –, im "Märchen von der schönen Lilie" die "Form aus den dramatisch-lyrischen Verhältnissen des Textes" entwickelt, "wobei eines der entscheidendsten Momente durch die in jedem Fall an gewissen Grenzpunkten nicht mehr weiter anzunähernden Gesetze des Reinmusikalischen und des Reinsprachlichen gebildet wird. Hier stehen die Pole zweier Elemente, deren problematische Kontrastierung, Annäherung und Verschmelzung die Symbole für die Grundgestalten dieser Oper darstellen. Daraus leitet sich ein bilateraler Dualismus ab, der den dramaturgischen Ablauf bestimmt, der sich im wesentlichen an die Goethesche Dichtung hält, und der die Verwandtschaft der musikalischen Grundgestalten, nämlich Leitmotive, Akkordmotive und Zwölftonreihen zu einer möglichst nahtlosen Verbindung bringen soll. Dabei wird mit der seriellen Variation eines Themas oder Motivs der Kontrast der damit charakterisierten Gestalten und ihre innere Zwiespältigkeit oder die damit verbundenen Konflikte bezeichnet, während mit frei arbeitenden Variationen dieser Themen und Motive das Annähern und Angleichen derselben Charaktere bevorzugt wird. Um allen diesen Arbeitsmomenten den absolut nötigen freien Rahmen zu geben, der bei aller Gesetzmäßigkeit die Freiwilligkeit eines Unterordnens als dominierend erkennt..." Es ist an der Zeit, daß Komponisten aufhören, ihr "Reinmusikalisches" mit "Reinsprachlichem" aufbessern zu wollen.

Es sei, schreibt Goethe 1796 an Wilhelm von Humboldt, und auch diesen Satz überliefert das Programmheft, "freilich eine schwere Aufgabe" gewesen, "zugleich bedeutend und deutungslos zu sein". Für Giselher Klebe war sie zu schwer. Als der im Auftrag des Süddeutschen Rundfunks Goethes "Märchen" in ein Libretto umschrieb, es dann zu einer Neunzig-Minuten-Oper vertonte und dieses sein Opus Fünfundfünfzig am Himmelfahrtstag im Schwetzinger Schloßtheater uraufführen ließ, kam er über ein "bedeutungslos" nicht hinaus. Es ist an der Zeit, daß Funkhausgewaltige, Verlagslektoren oder Operndramaturgen den Mut aufbringen, auch einmal einem berühmten Manne eine schlechte Arbeit wieder ins Haus zu schicken.

Kleist und Schiller, Shakespeare und Werfel haben ihm bislang Stoffe, und Texte geliefert – bei der Wahl seiner Autoren war Giselher Klebe nicht gerade bescheiden. Aber wie er für seine Vorlagen immer höher griff, stieg er auch immer höher in seinen elfenbeinernen Turm. Seine "Märchen"-Musik nun ist vollends eine Kunst für Eingeweihte geworden, eine Lese-Musik, an der sich vermutlich manche saubere Satzkunst exemplifizieren läßt und die für höhere Tonsatz-Kollegs durchaus angemessen scheint; eine esoterische Schönklangkunst dazu, mit samtig-feinem Harmonien-Untergrund, nur Bratschen und Celli, keine Violinen, dafür tiefes Bassetthorn, Altsaxophon und drei Fagotte, dazu zwei immer wieder, die sparsamen Farben übertünchende neutrale Klaviere; eine Heile-Welt-Kunst schließlich, die furchtlos den Weg in die Musikgeschichte rückwärts geht. Es ist an der Zeit, daß Giselher Klebe, möchte er, daß wir uns weiterhin für seine Kompositionen interessieren, sich – beispielsweise bei seinen Schülern – erkundigt, ob wir heute nicht ein paar andere Sorgen, ob kompositionstechnisch oder politisch, ob in der musikalischen Form oder in der gesellschaftlichen Relevanz von Musik, haben.

Da besitzen sie nun in Schwetzingen dieses märchenhafte Schloß in einem märchenhaften Park mit einem märchenhaften Rokoko-Theater und dazu die märchenhafte Bereitschaft verschiedenen Geldgeber. Und wenn sie dann dort ein echtes und rechtes Märchen spielen wollen, holen sie sich den Bühnenbildner Heinrich Wendel, der ihnen eine Metrostation in den Guckkasten baut, und den Regisseur Oscar Fritz Schuh, der darin ein kostümiertes Oratorium veranstaltet, der jeden Zauber des Irrealen auf den ersten Blick als unvollkommenen Trick durchschaubar macht, der alle märchenhaften Veränderungen an Personen und Tieren unbeholfen an den Kulissenrand verlegt oder hinter anderen Figuren versteckt, der kompliziertere Verwandlungen kurzerhand in einer absurden, technisch wie inhaltlich unqualifizierten Filmproduktion geschehen läßt als ein ebenso plötzlich erscheinendes wie plötzlich verschwindendes Requisit. Es ist an der Zeit, zu überlegen, ob in Schwetzingen nicht Möglichkeiten für ein "Märchen" bestehen, das das Märchen Schwetzingen einbezieht. Mauricio Kagel – um nur einen Namen zu nennen – dürfte mit Schloß und Garten und Theater und Geld einiges anzufangen wissen.

Und spätestens nach Klebes "Märchen von der schönen Lilie" wird einem in Schwetzingen bewußt, wie märchenhaft doch Mozart sein Märchen von der "Zauberflöte" komponierte und sich doch nicht in einem elfenbeinernen Turm verschloß.

Im übrigen: der Schwetzinger Spargel ist noch von der alten Güte.