Von Karl-Heinz Janßen

Wir werden sein Andenken stets in Ehren halten" – so schließt mit gutbürgerlichem Pathos der Nachruf des SED-Zentralkomitees auf den Genossen Paul Merker. Im "Neuen Deutschland" wurde "seine Treue zur Sache des Volkes und des Sozialismus" als vorbildlich gelobt. Merkwürdig nur, daß die Nekrologe über die letzten zwanzig Jahre des Genossen als einzig Rühmliches seine "erfolgreiche Arbeit als Vorsitzender des Kreisvorstandes der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft in Königswusterhausen" zu vermelden wußten. Alte Leser des "ND" indes mögen sich noch erinnert haben: Am 24. August 1950 hatte das Zentralkomitee Paul Merker aus der Partei ausgeschlossen, weil er "dem Klassenfeind in umfangreicher Weise Hilfe geleistet" habe. Zwei Jahre später wurde er verhaftet und als "Verräter", "Kapitulant", "Trotzkist", "Titoist", "Zionistenfreund" und Agent des USA-Imperialismus für vier Jahre hinter Zuchthausmauern gebracht.

Merker hätte der Dubček der DDR werden können. Als sein Rivale und Kampfgefährte aus wildbewegten KPD-Zeiten, Walter Ulbricht, ihn zu Fall brachte, gehörte Merker zu den Spitzenfunktionären des Regimes. Zusammen mit den Kommunisten Pieck, Ulbricht, Dahlem, Ackermann und vier ehemaligen Sozialdemokraten saß er im ersten Politbüro der Sozialistischen Einheitspartei. Und als 1956 die nationalkommunistische Gruppe Harich Möglichkeiten eines "dritten Weges" zur Wiedervereinigung erkundete und nach polnischem Vorbild die SED von innen reformieren, sie "vom Stalinismus und Dogmatismus (und das hieß, von Ulbricht) befreien" wollte, da verhandelte sie auch mit dem inzwischen wieder aus der Haft entlassenen, aber nur halbrehabilitierten Altkommunisten Merker. Aber sein Kampfgeist war im Zuchthaus gebrochen worden. Und der Kreml sah nach dem Fiasko in Ungarn keinen Grund mehr, die Anti-Ulbricht-Gruppe zu unterstützen. Merker durfte als Lektor in einem Verlag sein Gnadenbrot essen.

Bis heute ist nicht bekanntgeworden, welchen Glücksumständen er es zu verdanken hatte, daß er nicht wie seine nationalkommunistischen Leidensgenossen in anderen Ländern (Rajk, Kostoff, Slansky) am Galgen endete. Wollten Ulbricht und die Sowjets ihn, den ehemaligen West-Emigranten, als Hauptangeklagten in einem Schauprozeß präsentieren, in einer Reihe mit anderen des Titoismus verdächtigten Genossen, zu denen der Reichsbahn-Generaldirektor Kreikemeyer, der Journalist Leo Bauer und der westdeutsche KPD-Führer Kurt Müller gehörten? Merker ist keineswegs der erklärte Gegenspieler Ulbrichts gewesen, vielmehr hat er in vielen Dingen mit ihm an einem Strang gezogen.

Im Zentralkomitee der Einheitspartei war der gelernte Hotelier zusammen mit einem Sozialdemokraten für eines der wichtigsten Ressorts verantwortlich: Landwirtschaft und Genossenschaftswesen. Ulbricht verstand es, ihm die Abteilung Genossenschaftswesen zu entreißen, und Merker ließ es geschehen. Das war schon der Anfang vom Ende. Es genügte, daß er wie so viele kommunistische Emigranten den amerikanischen Flüchtlingshelfer und Quäker Noel Field gekannt hatte; er wurde als Agent abgestempelt. 1956 erklärte das ZK dann, daß die Paul Merker "zur Last gelegten Anschuldigungen in der Hauptsache politischer Natur sind, die eine strafrechtliche Verfolgung nicht rechtfertigen". Zurückgenommen wurden diese Anschuldigungen nie.

Paul Merker hat die lebensgefährlichen Fraktionskämpfe in der Weimarer KPD, die Verfolgung durch die Nazis und den Terror der Stalinisten überlebt. Dafür hatte er im Alter Muße, über die Maxime seines Lebens nachzudenken, daß immer und ewig die Partei recht haben muß, auch wenn die eigene Seele dabei zum Teufel geht. Der Lohn war dürftig genug: der Orden "Banner der Arbeit", ZK-Glückwünsche zum 75. Geburtstag und ein Gratis-Hinweis im "Neuen Deutschland": "Krematorium Baumschulenweg-, Große Halle..."