Von Michael Buselmeier

Als ich in Heidelberg den Zug nach Recklinghausen bestieg, standen auf dem Bahnsteig noch immer die beiden Genossinnen vom SDS. die im anti-autoritären Kindergarten mitarbeiten, und zeigten den kleinen Genossen die planmäßig ein- und ausfahrenden Züge. An diesem Beispiel könnte ihnen frühzeitig die Erfahrung vermittelt werden, wie perfekt und pünktlich das kapitalistische System (noch) funktioniert. Wer diesen Staat bekämpfen will, sollte die Schwierigkeiten kennen, die ihn erwarten, und die Situation nüchtern einschätzen, um weder der Illusion noch der Resignation zu verfallen.

Dazu gehört auch, daß man die Worte der DGB-Funktionäre ernstnimmt, auch wenn es einem schwerfällt, und daß man ihre Taten reflektiert. Auf diese Weise könnte man schließlich Auskunft darüber erhalten, wie fest gefügt die Herrschaftsverhältnisse hierzulande sind.

Im Zugabteil, jetzt autoritär erzogenen Kindern gegenübersitzend, die Krawatten tragen und dauernd zur Ordnung gerufen werden, fallen mir Sätze ein, die der stellvertretende DGB-Vorsitzende Bernhard Tacke, zugleich Vorsitzender des Aufsichtsrats der Ruhrfestspiele, kürzlich bei einer Veranstaltung der IG Bergbau in Schloß Berge gesprochen hat: "Es mag heute das Bestreben sein, das Theater in die politische Arena umzuwerten. Die das wollen, sind meines Erachtens schlecht beraten." Die Ruhrfestspiele seien "kulturelle Begegnung", betonte das CDU-Mitglied Tacke. Man erinnert sich an ähnliche Äußerungen französischer Gewerkschaftsbosse, als revolutionäre Studenten und Schauspieler im Pariser Mai und danach versuchten, wirklich politisches Theater für Arbeiter zu machen.

Bei derselben Veranstaltung bezeichnete der Geschäftsführer der Ruhrfestspiele, Karl-Heinz Hagin, das Gerede von der kulturellen Entfremdung des Arbeiters als irrelevant und erklärte, daß es für ihn nur eine einheitliche Kultur in der Welt gebe. Das sind falsche, hohle Worte. Sie in Taten umzusetzen, hat der DGB das Geld und die Macht. Zwei bis drei Tage bewegte ich mich im fahnengeschmückten Recklinghausen, zur Festspielzeit, konfrontiert mit der Frage: sind das noch Arbeiterspiele, die Jahr um Jahr hier veranstaltet werden; mit denen der DGB sich brüstet? Oder werden hier nur die Bildungsfestspiele der Bourgeoisie kopiert?

Bei meiner Ankunft in Recklinghausen frage ich einen Bahnarbeiter nach den Festspielen. Der hat noch nie eine der zahlreichen Veranstaltungen besucht. Seine Probleme würden dort nicht behandelt. Der Slogan "Festspiele für die Arbeiter" sei eine Phrase, in Wirklichkeit gingen dort bloß herbeigereiste Kunstfreunde hin und die von der Gewerkschaft mobilisierten Arbeiter, letztere ohne eigentliches Interesse. Ähnlich äußern sich alle Arbeiter, die ich befrage.

Die Ruhrfestspiele sind eine GmbH. Gesellschafter sind der DGB und die Stadt Recklinghausen; Förderer die Bundesrepublik Deutschland, das Land Nordrhein-Westfalen und der Verein der Freunde der Ruhrfestspiele. Es gibt einen 16köpfigen Aufsichtsrat, der vom DGB beherrscht wird; zwei Geschäftsführer, von denen der eine (Hagin) Angestellter des DGB ist, der andere (Gerd Holtmann) Beauftragter der Stadt Recklinghausen; schließlich vier Berater der Geschäftsführung: Karlgeorg Matthes (stellvertretender Geschäftsführer), Karl Waschkowitz (Verwaltung), Adolf Zotzmann (Technik), Thomas Grochowiak (Bildende Kunst). Das Programm der Festspiele wird von der Geschäftsleitung und ihren Beratern erarbeitet und vorgeschlagen; es muß vom Aufsichtsrat beschlossen werden.