Von Otto F. Beer

Es spricht einiges dafür, daß der bedeutendste österreichische Autor unserer Tage Arthur Miller ist; es spricht auch, das läßt sich nicht leugnen, einiges dagegen. Der Umstand etwa, daß als Thema fast aller seiner Stücke der amerikanische Traum und das Erwachen daraus figurieren. Von der "Hexenjagd" bis zum "Preis", vom "Tod des Handlungsreisenden" bis "Nach dem Sündenfall": Immer geht es um die Fragwürdigkeit der Wohlstandsfassade in Gottes eigenem Land. Und doch weiß man, daß Millers Familie ursprünglich Mahler hieß und aus Altösterreich nach Amerika kam. Und wer es nicht weiß, der wird bei der Lektüre von, Millers erzählerischem Schaffen darauf gestoßen. Nicht etwa vom Thematischen her, Wohl kömmt hier einmal ein amerikanischer Jude vor, der seiner eigenen mitteleuropäischen Herkunft nachreist, aber nicht diese Figur gibt den Ausschlag. Das Hinabsteigen zu den eigenen Wurzeln wird auf hintergründigere Weise sichtbar in dem Band

Arthur Miller: "Gesammelte Erzählungen", aus dem Amerikanischen von Hermann Stiehl; Rowohlt Verlag, Reinbek; 288 S., 12,80 DM.

Scheinbar geht es hier um Nebenprodukte, Arthur Millers Leidenschaft ist das Theater. Wenn nun ein Dramatiker seines Formats Erzählerisches sammelt, so ist es für den Leser erstaunlich zu sehen, wie all dies ein wenig vom Zufall Zusammengetragene aus einer einzigen Substanz stammt. Zwei Leitmotive klingen fast in jeder dieser neun Geschichten durch: die Väter und die Juden. Bei solchem Hinabsteigen zu den Ursprüngen ist es unausbleiblich, daß auch Freud mitspielt. Man weiß es von Miller, dem Dramatiker: wenn er auch weiß Gott nicht der einzige ist, der die psychoanalytische Methode literarisch fruchtbar gemacht hat, ist er doch einer der wenigen, der sie in sauberer Weise anwendet. Und die Psychoanalyse kam aus dem Land, aus dem auch seine Väter kamen.

Die amerikanische Originalausgabe hieß ‚I don’t need you any more", und dies ist zugleich, der Titel der ersten Novelle. Sie ist in ihrer Weitschweifigkeit gewiß nicht, die stärkste der hier versammelten Storys. Ein fünfjähriger Junge erlebt einen jüdischen Feiertag und fühlt sich von der Welt der Großen ausgeschlossen, weil man von ihm, dem Kleinen, nicht verlangt, daß er wie die Großen fastet. "Ich brauche dich nicht mehr": den Satz Satz er in kindlichem Trotz zu der Mutter, deren erotisches Geheimnis er zu kennen glaubt. Und der Vater ist der Bewunderte, mit dem sich gleichzusetzen dem Knabennicht gelingenwill.

In der zweiten Geschichte ist der Erzähler ein prominenter Schauspieler, der an einer Anti-Vietnam-Kundgebung teilnimmt, während sein Vater im Sterben liegt. Das politische Engagement – man weiß, welche bedeutende Rolle es für Miller spielt – wächst hier aus einer Ödipalen Situation: Der Vater ist ein hilfloser Greis, der nur noch stammeln kann und die Leute nicht mehr erkennt.

Die Suche nach der verlorenen Zeit tritt am deutlichsten in einer der stärksten dieser Erzählungen zutage. In "Monte Sant-Angelo" begleitet ein Mann namens Bernstein einen italoamerikanischen Freund, der quer durch die Apenninenhalbinsel die Überbleibsel seiner Familie sucht. Er bringt für solches Stochern in der Vergangenheit nur milde Ironie auf, bis sie in einem Bergwirtshaus einen Hausierer treffen, der seine Tuchballen von Dorf zu Dorf schleppt. Die Art, wie der Händler sein Bündel schnürt, fasziniert Bernstein: So hat in seiner Heimat, nördlich der Alpen, auch sein Vater einmal seine Ware zusammengepackt, und auch dieser war bestrebt, bis zum Freitagabend sein Geschäft zum Abschluß zu bringen. Bernstein schwört, der Wanderkaufmann sei Jude, auch wenn der es längst nicht mehr weiß und nur in einem unbewußten Atavismus agiert hat.