Von Helmut Holscher

Vor zwei Jahren flog Professor Hannes Laven, Direktor des Instituts für Genetik an der Universität Mainz, nach Burma. In seinem Gepäck hatte er eine Anzahl Gläschen mit ein paar hundert Mückenlarven, die er in seinem Institut gezüchtet hatte. Diese Larven waren die Waffen, mit denen er das burmesische Dorf Okpo in wenigen Wochen völlig von Mücken befreite. Die "Aktion Okpo" war der erste größere Feldversuch, in dem es darum ging, mit Hilfe genetischer Methoden eine ganze Insektenpopulation auszulöschen.

Inzwischen hat der Mainzer Vererbungsforscher einen neuen Weg gefunden, ohne Insektizide und ohne biologische Verseuchung in wenigen Generationen Millionen und Milliarden Schädlinge sich selber ausrotten zu lassen. Eine einfache und wenig kostspielige Methode, vielen Krankheiten bei Mensch, Tier und Pflanze, die von Insekten verbreitet werden, den Garaus zu machen.

Der erste Schritt auf dem Wege der "genetischen Vernichtung" wurde mit Mücken in Lavens Mainzer Laboratorium getan. Es war die Entdeckung der natürlichen "Inkompatibilität". Bei Kreuzungsversuchen zwischen Mücken aus Norddeutschland und Schwaben fand der Genetiker, daß die Tiere sich zwar paarten, daß die Nachkommenschaft aber nicht lebensfähig war. Diese Entdeckung führte schließlich zur Zucht einer Bastard-Mückenrasse aus französischen und kalifornischen Tieren, die, tropenfest und sehr lebenstüchtig, sich mit burmesischen Filarienüberträgern der Gattung Culex fatigans kreuzten, aber keine Nachkommenschaft hervorbrachten. Ein paar tausend Mückenmännchen der Kreuzung, in dem burmesischen Dorf Okpo in Abständen freigelassen, schafften es innerhalb von acht Wochen, das von Trockensteppe umgebene Dorf, das von außen her keinen "Mückennachschub" erhielt, von den Plagegeistern vollständig zu befreien. Die kräftigen, angriffslustigen Labormännchen errangen in einigen Generationen die absolute Vorherrschaft vor den einheimischen Männchen; aus den Eiern, die die Weibchen legten, entstanden aber keine neuen Mücken. Mit diesem von der Weltgesundheitsorganisation in Genf finanzierten Versuch bewies Professor Laven die Wirksamkeit seiner genetischen Bekämpfungsmethode.

Jetzt ist Professor Laven einen Schritt weiter gegangen. Er hat einen Weg ausgearbeitet, mit Hilfe von Chromosomenveränderungen und einer durch sie erzeugten Semisterilität neben Mücken auch andere Schädlinge Schritt für Schritt sich selber ausrotten zu lassen.

Bei einem Besuch im Mainzer Labor des Genetikers erläuterte Professor Laven Wege und Ziele seiner neuen Forschungsreihe. Warum, so wollten wir wissen, hat Professor Laven die Methode der Inkompatibilität verlassen und ist zu komplizierteren Verfahren übergegangen?

"Das hat", sagte Laven, "tatsächlich einiges Aufsehen erregt. Aber bei meinen genetischen Versuchen zeigte sich, daß das Prinzip der ‚Unvereinbarkeit‘ anscheinend auf Mücken beschränkt ist. Nur hier gibt es nahe verwandte Arten, die sich zwar paaren, aber keine neue Generation hervorbringen. Bei anderen Insekten – um nur ein Beispiel zu nennen, beim amerikanischen Baumwollkapselkäfer – läßt sich diese Methode nicht anwenden. Man hat hier zwar sehr eifrig nach Unvereinbarkeit gesucht, aber nichts gefunden. Wir haben daher nach einem neuen Weg in der genetischen Bekämpfung gesucht, und wir fanden ihn in einer Methode, die – wie wir nachher erfuhren – schon vor dreißig Jahren von russischen Erbforschern theoretisch ausgearbeitet wurde, in Rußland aber wohl nie in das Stadium der praktischen Erprobung gelangte. Das wird möglicherweise daran gelegen haben, daß seinerzeit in Rußland der Sysenko-Kurs herrschte. Diese Methode heißt ‚Semisterilität durch Translokation‘".