Liebenswürdigerweise nennt er mich nicht "Märchentante" bei eingeschaltetem Mikrophon. Ich sitze schallisoliert. Die drei im Regieraum auch: Redakteur, Regisseur, Tontechniker. Sie streiten darüber, welcher Tonfall dem Inhalt des Textes "Blick aus Mandelaugen" angemessen sei. Meinen undeutschen Akzent finden sie gut, meinen Tonfall, den bisherigen, tantenhaft: zu viel Melodie, verniedlichend, zu wenig Distanz zum Inhalt des Textes. Nüchtern wäre besser. An den richtigen Stellen die richtigen Pointen. Sexy verkauft sich auch nicht schlecht. Ironie steht und fällt mit der Betonung – bei mir fällt sie. Soll ich meinen Text sanft lesen?

Hinter der großen, dicken Scheibe zum Regieraum sehen die Streitenden aus wie gesunde Fische im Aquarium. Sie sperren ihre Mäuler rhythmisch – lautlos – auf und zu. Klaus Simon greift zum Mikrophon und beißt hinein. Klick, sagt das Mikrophon. Die Stimme des Herrn erklingt: "Bitte mal aufhören." Klack.

Ich hatte schon längst aufgehört und mich ganz auf das Aquarium konzentriert. Und auf ein immer lauter werdendes Geräusch. Im Flügel nebenan wird gebaut. Der WDR expandiert. Ein Preßlufthammer dröhnt. Die Studiowände zittern.

Klick, sagt das Mikrophon – rummrummrumm der Preßlufthammer. Wortfetzen: "Unser Publikum ... rummrumm ... nicht Kinder ... rummrumm ... ausgewachsene Deutsche... rummrumm ... verstehen Humor ... rummrumm ... spät abends ... rummrumm ... im Fernsehen ... gutes Programm ... Klack."

Ernst blickt K. H. Hansen durch die Scheibe und in die Ferne. Würdevoll. Väterlich. Mit Bart. Die Idee, meine "Beobachtungen in Deutschland" optisch zu interpretieren, mit Stillphotos zu assoziieren, stammt von ihm: "Ich versuche auf diesem Weg der Literatur neue Darstellungsmöglichkeiten zu öffnen. Dem Publikum ist die Stille abhanden gekommen – es will nicht mehr lesen, es will sehen."

Klaus Simon fixiert mich durch die Scheibe. Ein Kopf wie Cäsar mit Koteletten. Noch zögert er. Die Bewegung seiner Hand kündigt Worte an. Er schleudert sie halbgeöffnet nach vorn. Die Hand eines Zauberers, die aus der Reverstasche ein geheimnisvolles Etwas hervorzieht. Der Tontechniker drückt auf die richtige Taste. Klick, sagt das Mikrophon. "Sie legen zuviel Schwung in Ihre Stimme", sagt Klaus Simon.

Ab jetzt werde ich nur noch hauchen. Rummrummrumm, die Stimme des Preßlufthammers wird mit in den Regieraum übertragen.