Von Klaus Doderer

Nicht selten ist die leichthin gebrauchte Floskel von den "klassischen" Kinder- und Jugendbüchern zu hören. Um es vorweg zu sagen: Der Begriff "klassisch" innerhalb der Reflexionen über Jugendliteratur hat keinerlei bestimmende Prägnanz. Dementsprechend kann man unter ihm die unterschiedlichsten Erscheinungen rubriziert finden. Im deutschen Sprachgebiet assoziiert man gewöhnlich beim Gebrauch des Begriffs "klassische" Kinder- und Jugendbücher die Titel "Struwwelpeter", "Max und Moritz" und die "Kinder- und Hausmärchen" der Brüder Grimm. Aber auch Coopers "Lederstrumpf", Defoes "Robinson Crusoe", Cervantes’ "Don Quijote", Collodis "Pinocchio", Mark Twains "Tom Sawyer" und "Huckleberry Finn" werden genannt. Ja, selbst Karl Mays Romane und Emmy von Rhodens "Trotzkopf"-Bücher finden neben Jules Vernes "Reise um die Erde in achtzig Tagen", Carrolls "Alice im Wunderland", Astrid Lindgrens "Pippi Langstrumpf" und Erich Kästners "Emil und die Detektive" in bunter Reihenfolge Erwähnung. Swift, so heißt es in dem amerikanischen Buch von M. F. Twaite "From Primer to Pleasure" im Hinblick auf "Gullivers Reisen", "would doubtless be astonished to know the book has endured chiefly as a classic for children". Wahrscheinlich würde es anderen Autoren ähnlich gehen. Ebenso zählt Milnes "Winnie the Pooh" als "classic", und Bettina Hürlimann führt in ihrem Buch "Europäische Kinderbücher aus drei Jahrhunderten" neben Johanna Spyris "Heidi" auch Agnes Sappers "Familie Pfäffling", die zahlreichen Werke der Josephine Siebe, Collodis "Pinocchio" und Otto Julius Bierbaums "Zäpfel Kerns Abenteuer" als etablierte Klassiker auf, wie Richard Bamberger es ähnlich in seinem umfangreichen Werk "Jugendlektüre" tut.

Man findet den Ausdruck "klassisch" angewandt auf Mädchenbücher und phantastische Romane, auf Abenteuerromane und Märchenbücher und ist froh, wenn man bei all dieser verwirrenden Fülle von Werken und Gesichtspunkten gelegentlich auch die Feststellung antrifft: "There are, after all, very few children’s classics."

Ohne Zweifel hat das Wort "klassisch" einen weiten Bedeutungsspielraum, der dazu angetan ist, den hier gemeinten Bereich der Jugendbuch-,,Klassiker" gar nicht näher zu profilieren, eher noch zu verschleiern. Wir suchen nämlich vergeblich, die Kategorie zu finden, die uns berechtigt, sowohl Karl Mays "Winnetou" als auch Cervantes’ "Don Quijote", sowohl Agnes Sappers "Familie Pfäffling" als auch die "Kinder- und Hausmärchen" der Brüder Grimm mit dem Prädikat "klassisch" zu belegen. Solche Bedeutungsdiffusität und Laschheit des Gebrauchs wäre nicht schlimm – sie ist verständlich und auch entschuldbar in weiten Bereichen eines offenen sprachlichen Umgangsverhaltens –, würde sie nicht auch in der jugendliterarischen Fachdiskussion auftreten. Hier signalisiert sie meines Erachtens, wie wenig durchdacht die Frage des Tradierens sogenannten "klassischen" Jugendliteraturgutes ist. Diese fehlende Präzision des Begriffs und der von ihr bezeichneten Vorstellung ist aber deshalb gefährlich, weil sie einem kritischen Auseinandersetzen mit dem einzelnen Werk den Boden zu entziehen verhilft, zu einer unterbewußten Tabuisierung des nun einmal sogenannten "Klassischen" tendiert und somit weiße Flecke der Theorie und Kritik der Jugendliteratur markiert; und dies trotz ständiger Erwähnung der so bezeichneten Wetke. Es vollzieht sich ein unkritischer Transport von Generation zu Generation. Indem man auf das schon lange Bewährte hinweist, wird die Auseinandersetzung in dem immer wieder aufgelegten, in Empfehlungslisten aufgenommenen, in theoretischen Werken erwähnten "klassischen" Jugendliteraturkanon versäumt.

Es kommt hinzu, daß in der Kinder- und Jugendliteratur ein direktes ästhetisches Urteil nur selten ungebrochen ausschlaggebend geworden ist. Denn im Bereich des konsumierenden Publikums ist die Verzögerung zu bedenken, die zwischen literarischen Erfahrungen, die in der Kindheit und der Adoleszenz stattfanden, und der Weiterempfehlung an die nächste Generation als Eltern beziehungsweise Erwachsenen liegt. Jugendeindrücke haften und werden verspätet, teilweise unreflektiert zu Vorurteilen, die sich wiederum leicht multiplizieren können. (Hinzu tritt die alte, schwer zu beseitigende – obwohl nur scheinbar vorhandene – Spannung zwischen pädagogischer und ästhetischer Wertung, die zu so simplen Urteilen führen kann wie: Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf sei zwar ein nettes Buch, aber pädagogisch nicht zu verantworten, weil es ein zu aufsässiges Kind zum Helden habe. Oder Johanna Spyris Heidi sei ein gutes Buch, weil es ein so braves, vorbildliches, natürliches Kind zeige, obwohl es künstlerische Mängel aufweise.)

Ich bin der Meinung, daß die vorhandenen sogenannten Klassiker der kritischen Analyse ausgesetzt werden müssen, die die intellektuelle und künstlerische Substanz festzustellen und zugleich zu versuchen hat, der Wirkungsgeschichte nachzugehen, um dem Odium der angeblichen "inneren Sieghaftigkeit von deren Qualität" – wie Levin I. Schücking meinte – nüchterne Erkenntnisse entgegenzusetzen.

Wer heute dazu anregt, Johanna Spyris bedeutendstes Werk, den zweiteiligen Jugendroman "Heidis Lehr- und Wanderjahre" und "Heidi kann brauchen, was es gelernt hat" zu lesen, muß sich darüber im klaren sein, daß er den jugendlichen Leser dieses Entwicklungsromans veranlaßt, sich mit der fiktiven Gestalt, nämlich dem Schweizer Landkind Heidi, auseinanderzusetzen, ja – gewiß auch im Sinne der Autorin selbst – sich mit ihm weithin zu identifizieren, das bei nüchterner Analyse folgende Lebensdaten hat: