Der Roman von Christa Wolf soll im nächsten Herbst auch in einer westdeutschen Ausgabe erscheinen; und zwar im Luchterhand Verlag, Neuwied.

Christa Wolfs Verlag in der DDR, der Mitteldeutsche Verlag, Halle, hat ihretwegen inzwischen Schwierigkeiten bekommen. Jedenfalls veröffentlichte sein Leiter, Heinz Sachs, am 14. Mai im "Neuen Deutschland" unter dem Titel "Verleger sein heißt ideologisch kämpfen" eine Selbstkritik, in der er gelobt, künftighin vom Bitterfelder Weg nicht mehr abzuweichen und sich dabei eines "gesellschaftlichen Lektors" als "Schrittmacher" zu bedienen.

Zum Roman "Nachdenken über Christa T." schreibt Sachs: "Es wurde festgestellt, daß es innerhalb des Verlages ästhetische Auffassungen gibt, mit denen sich nur ungenügend auseinandergesetzt wird ... Unbestreitbar liegt mit diesem Buch ein Versuch der Autorin vor, Antworten zu suchen auf. die Frage ‚Wie soll man leben?‘. Aber es ist nicht zu übersehen, daß die Heldin des Romans so angelegt ist, daß eine Beantwortung dieser Frage auf sozialistische Art schwerfällt, die es von vornherein unmöglich erscheinen läßt, daß das Mädchen Christa T. zum Vorbild werden kann. Zu dieser Heldenwahl kommt, daß Christa Wolf die Möglichkeiten, die die sozialistische Gesellschaft dem einzelnen bietet (selbst wenn sie in einer so ungünstigen persönlichen Situation lebt wie Christa T.) nicht zur Geltung bringt. Christa Wolf findet keine Distanz zu ihrer Heldin. Pessimismus wird zur ästhetischen Grundstimmung des Buches. Die Antwort, die Christa Wolf letzten Endes findet, bleibt eine allgemein-humanistische. Wenn aber sozialistische Literatur ihre Funktion erfüllen und Weltgeltung findensoll, kann sie das nur, wenn sie auf allgemein bewegende Fragen spezifisch sozialistische Antworten gibt. Gerade aber hier liegt das entscheidende Versäumnis des Verlages in der Zusammenarbeit mit der Autorin Christa Wolf."