ZEIT: Herr Minister, warum haben Sie im Mai eine Aufwertung für notwendig gehalten? Noch im November schienen Ihnen doch Ersatzmaßnahmen ausreichend, noch im Frühjahr galten Sie als Gegner einer Wechselkursänderung.

Schiller: Daß ich im Frühjahr noch als Gegner einer Wechselkursänderung galt, ist mir nach der Debatte im deutschen Bundestag in der vorigen Woche neu. In dieser Debatte wurde mir ja von mehreren Rednern vorgeworfen, ich hätte schon seit März zu erkennengegeben) daß ich einer Aufwertung nicht abgeneigt wäre. Dabei wurde zugegeben, daß ich weder eine Aufwertung gefordert hätte, noch daß ich etwa Zahlen genannt hätte. Das ist in der Tat auch nicht der Fall gewesen.

Natürlich haben wir alle gehofft, und ich ganz besonders, daß wir mit meinem Kompromiß Vorschlag vom November durchkommen würden. Seit März, und das stimmt, habe ich immer deutlicher an den statistischen Daten gesehen, daß die steuerliche Absicherung sowohl in bezug auf den Satz wie in bezug auf die Konstruktion des Gesetzes nicht ausreichte. Das Gesetz betrifft doch allein den Warenverkehr und innerhalb des Warenverkehrs nicht die Marktordnungswaren der Landwirtschaft. So zeigt sich die Wirkung des Gesetzes zufriedenstellend in der Gruppe gewerblicher Konsumgüter innerhalb unseres Lebenshaltungskonstenindex. Das sieht man deutlich; in dieser Gruppe sind die Preise stabil geblieben und sogar leicht gesunken.

Der Produktivitätsforschritt der Industrie und das Absicherungsgesetz haben bei den gewerblichen Konsumgütern für eine beträchtliche Stabilität gesorgt nicht dagegen im Bereich der Lebensmittelpreise. Eine valutarische Lösung, das war uns klar, hätte ab sofort eine Senkung der Lebensmittelpreise gebracht. Freilich wäre dann, was ich immer gesagt habe und was übrigens auch im November in den internen Regierungsdiskussionen gemeinsame Meinung war, sofort ein Einkommensausgleich dieser oder jener Art für die deutschen Landwirte notwendig gewesen.

ZEIT: Ihre These ist also: nicht meine Meinung, die Situation hat sich geändert...

Schiller: Man muß als Politiker aus der Realität lernen. Den eigentlichen Anstoß zur Überprüfung unserer Position gab das Referendum in Frankreich am 27. April durch die vorweg schon leise, aber nachher viel stärkere Spekulation gegen den Franc sowie andere schwächere Währungen und auf die Mark. Das alles hat natürlich unseren Denk- und Entdeckungsprozeß beschleunigt. Wie Sie wissen, habe ich meine eigene Anregung zur Überprüfung der währungspolitischen Lage und zur Aufbesserung der Währungsparität der Mark am 2. Mai an den Herrn Bundeskanzler gegeben, sehr schnell also, am Freitag nach dem Sonntag des Referendums.

ZEIT: Herr Minister, wie haben Sie den Satz von 6,25 Prozent gefunden? Die Befürworter der Aufwertung haben meist einen Satz von rund 10 Prozent, vielleicht etwas darunter, genannt. Was hat sie nun bewogen, gerade einen Satz von 6,25 Prozent zu wählen?