Moskau, im Mai

Vor ungefähr einer Woche war ich in Moskau auf einer Namenstagsfeier. Die Gastgeberin hatte eine Reihe faszinierender Leute eingeladen: eine ältliche Schauspielerin mit einem Hang zur großen Geste, die ihre schweren Ringe aus der Zarenzeit im Kerzenlicht funkeln ließ; eine Ingenieurin, die angab, Leiterin des Patentamtes zu sein; drei indische Medizinstudenten, die ausschließlich auf die sexuellen Probleme einer Dame namens Doris in -Bombay konzentriert zu sein schienen; ein Sortiment von Bürokraten, die irgendwelche obskuren Regierungsämter innehaben; und meine Dolmetscherin, die dicke Nina, deren exzentrischer Anspruch auf Individualität sich darin ausdrückt, daß sie stets einen Emailleaschenbecher in ihrem Täschchen mit sich herumträgt (was sie mit all der Asche macht, bleibt ihr Geheimnis).

Wir aßen Fisch in Sahnetunke, Huhn mit Curry und honigtriefende kleine Kuchen; wir. tranken eine georgische Spezialität – einen Likör, der in Wirklichkeit und in der Wirkung eine Mixtur zum Umfallen war. Freilich half er die Zungen lösen und brachte rasch zutage, was. einfache Russen heute über China denken, ihren. Nachbarn und einstigen Mitstreiter für das Ideal des Kommunismus. China war das Gespenst auf dem Festboden.

"Barbaren, nichts als Barbaren", sagte die Schauspielerin ganz ihrer Rolle gemäß. Die Patent-Dame sagte leise: "Zugegeben. Und noch dazu so unheimlich viele..." Die Männer wären überzeugt, daß es einen Krieg geben wird – vielleicht. in fünf Jahren, vielleicht in zehn. "Das ist unvermeidlich", sagte einer der Beamten. Ein anderer meinte, man solle den Krieg lieber so schnell wie möglich hinter sich bringen, solange die Sowjetunion den Chinesen militärisch und technisch noch überlegen sei: "Vielleicht haben wir nicht mehr sehr viel Zeit..."

Diese Äußerungen sind recht typisch für die gegenwärtige Stimmung der Russen. Die Kämpfe am Ussuri haben den Menschen plötzlich Angst eingejagt, und Angst ist eine neue und höchst befremdliche Gefühlskomponente im sowjetischchinesischen Verhältnis. Selbst schlichte Bürger, die ihre Prawda schließlich ebenso gut zu deuten verstehen wie westliche Kremlologen, haben gemerkt, daß die Schießereien auf der Insel Chenpao kein x-beliebiger Grenzzwischenfall waren. Wie einer der Beamten das ausdrückte: "Einunddreißig Tote sind kein Grenzzwischenfall mehr."

Doch gibt es außer den Verlustziffern noch andere Gründe für die Angst. Die Russen sehen in den chinesischen Vorstößen den Beginn einer neuen, aggressiven Phase der Pekinger Politik. Daher müssen sie die meisten ihrer früheren Ansichten über den Nachbarn im Osten revidieren. Wie der Westen, so haben auch sie lange versucht, die, Chinesen mit lächelnder Verachtung abzutun. Wohl, hatten sie; aus Mißtrauen wie aus Überlegung, Respekt vor den "chinesischen Horden", doch wurden deren Errungenschaften auf dem Wege zum Supermachtstatus hohnvoll bagatellisiert. Zu Beginn dieses Jahres noch kursierte in Moskau ein Witz über die Chinesen und ihre Atombombe: 50 Millionen müssen sie festhalten, 100 Millionen ziehen das Gummiband zurück. Solche Witze wirken mittlerweile etwas schal.

Die Zwischenfälle am Ussuri haben den Russen zum erstenmal das Gefühl der Unsicherheit vermittelt. Sie haben ihnen gezeigt, daß die unwägbare Größe China ernstgenommen werden muß und daß ihre eigenen Führer – wie die meisten anderen Staatsmänner der Welt auch – noch immer keine logische und praktikable. Antwort auf die Frage wissen, wie man mit China in den nächsten zehn Jahren umgehen soll.