Aber es steckt noch mehr hinter der tschechoslowakischen Affäre. Ein Grund, warum die Russen so schockiert sind, ist die Erkenntnis, daß ihr Nachrichtendienst ebenso fehlbar ist wie der anderer Länder. Moskau war über die Prager Vorgänge schlecht unterrichtet – darin liegt eine der wichtigsten Ursachen für die Auseinandersetzungen in der Kremlführung und für die verstörten Gefühle der Öffentlichkeit. Als der wahre Schuldige gilt der sowjetische Botschafter in Prag; er, so-heißt es, habe die Zeichen nicht richtig gedeutet und Moskau keine Wahl gelassen, außer der militärischen lntervention.

Die Vorgänge in der Tschechoslowakei markieren einen Wendepunkt in der sowjetischen Politik. Diese Invasion hat die Mitglieder des Politbüros in zwei Lager gespalten und einen Keil zwischen die Militärs und die zivile Gewalt getrieben. Die Rote Armee ist stolz auf die reibungslose Durchführung des tschechoslowakischen Unternehmens, klagt jedoch, daß danach die Zivilisten eine politische Katastrophe angerichtet hätten. Zwei Artikel, die jüngst in Moskau veröffentlicht wurden, lassen erkennen, daß die Armee anfängt, mit ihrer eigenen Flagge zu winken. Der eine, der sich mit den Folgen eines Atomkrieges befaßte, erwähnt mit keinem Wort die übergeordnete Rolle der Politik. Der andere, aus der Feder von Verteidigungsminister Marschall Gretschko, betont, daß die Armee "nicht das blinde Instrument der Politik" sei.

Man wird diese Warnungen ernst nehmen müssen. Indessen ist es auch eine Tatsache, daß das russische Volk ganz überwiegend für das Eingreifen in der Tschechoslowakei war. Gewiß gibt es Leute, die gern im ganzen Sowjetimperium eine "Demokratisierung" des Regimes sähen, doch selbst sie erklären einem nachdrücklich, daß der Verlust eines Teiles dieses Imperiums, gar eines strategisch so wichtigen Teiles wie der Tschechoslowakei, als Preis dafür nicht in Frage komme. Weil sie so denken, sind sie auch sogar bereit, die Wahnvorstellung einer Achse Prag–Bonn für Wirklichkeit zu nehmen.

Über die Meinungsverschiedenheiten zwischen Breschnjew und Kossygin ist viel geredet worden – Meinungsverschiedenheiten, die weit tiefer gehen als die zwischen Parteichef und Regierungschef wohl üblichen Differenzen. Zum erstenmal drang darüber etwas in einer Rede des stellvertretenden Ministerpräsidenten Dmitri S. Poljanskij an die Öffentlichkeit. Mit ungewöhnlicher Offenheit sprach Poljanskij dabei von "Differenzen bei der Festlegung der Prioritäten" und ließ durchblicken, daß Kossygin dem russischen Volk ein bißchen Butter aufs Brot verschaffen wollte, wohingegen die Schwerindustrie Breschnjews Einundalles sei.

Nach russischen Verhältnissen war dies ein deutlicher Hinweis darauf, daß nicht alles stimmte. Die Leute sahen die Zeichen an der Wand und verfielen ins Grübeln. Und sie grübelten noch mehrmals sie.merkten, wie die Partei auf der örtlichen Ebene die Zügel anzog.

Es hat den Anschein, als seien die Meinungsverschiedenheiten fürs erste beigelegt. Aber die Risse sind nur überklebt worden. In Wahrheit steht das ganze Prinzip der kollektiven Führung, wie es der XXIII. Parteitag niedergelegt hatte, auf dem Spiel. Immer mehr Russen (und westliche Beobachter) meinen heute, daß sich der Grundgedanke der Kollektivführung als Fehlschlag erwiesen hat; nur so lasse sich die windelweiche, zaudernde Politik des Kremls erklären.

Nach einigen Monaten der Unsicherheit haben Breschnjew und die Harten jetzt wieder Oberwasser. Auf Kossygin, so will es scheinen, wartet die baldige. Pensionierung; man wird sie ihm wohl bei peinlichster Wahrung der Form "aus Gesundheitsgründen" nahelegen. Doch auch im Politbüro stehen Veränderungen bevor. Und es gibt Leute in Moskau, die der Ansicht sind, daß im Zuge dieser Veränderungen mit Kossygin auch gleich Breschnjew von der nachdrängenden jungen Generation zum Abtreten gezwungen werde.