Dieser Theorie zufolge sind zwei Männer aus der Generation der Fünfziger die wahrscheinlichsten Erben: Dmitri Poljanskij, Erster Stellvertretender Ministerpräsident? 1965, als Ablösung für Kossygin, und Alexander Nikolajewitsch Schelepin, derzeit Vorsitzender der Gewerkschaften, als Nachfolger Breschnjews. Käme es dazu, so läge das Schwergewicht der Autorität wohl bei Schelepin; das aber bedeutete die Fortsetzung, wenn nicht gar eine Verschärfung des harten, auf straffe Parteidisziplin abhebenden Kurses. Schelepin, obwohl er, einst als Mann Chruschtschows galt, hat einige bemerkenswert unschöne Ansichten zu Protokoll gegeben. Früher sagte er einmal, alle Widersacher Chruschtschows gehörten erschossen; und jüngst ließ er sich vernehmen, wenn man ihm "freie Hand gegenüber 2000 Leuten" gäbe, wolle er das Problem der Intellektuellen schon lösen.

Im übrigen müßte eine Doppelnachfolge dieser Art das Prinzip der kollektiven Führung verewigen; die Krise dieses Systems könnte sie nicht lösen. Aber es gibt zwei gute Gründe, weswegen ein fundamentaler Wandel derzeit nicht zu erwarten ist. Der eine ist der noch immer spürbare Katzenjammer nach der Einmannherrschaft Stalins; der andere liegt schlicht darin, daß sich keines der Politbüromitglieder stark genug fühlt, nach der absoluten, ungeteilten Macht zu greifen. So bleibt es bei untergründigem, frustriertem Grummeln; und so wird es aller Wahrscheinlichkeit nach auch in der nächsten Phase bei der Parallelherrschaft von Partei und Regierung bleiben.

Der Mann auf der Straße hat über die Jahre längst gelernt, daß es nicht ratsam ist, Partei in den Streitigkeiten der Herrschenden zu ergreifen; tut er es dennoch, so wird er sich hüten, davon irgend etwas laut werden zu lassen. Trotzdem wird derjenige, der sich mit Moskauer Bürgern unterhält, bald darauf kommen, daß die meisten Kossygin vorziehen. Einfach deswegen, weil Kossygin den Konsumgütern Vorrang einräumen will, Breschnjew dagegen der Schwerindustrie. Die Menschen wollen Konsumgüter. Mehr noch, sie hungern nach Besitz, jedwedem Besitz – nach ein paar eigenen Sachen.

Hört man dem Moskauer Bürgermeister Promyslow zu, so erhält man den Eindruck, daß seine Stadt die tüchtigste der Welt sei. Er zählt, ihre Vorzüge an den Fingern auf: in sechs Monaten neue Wohnungen für eine Million Menschen; Schichtunterricht an den Schulen abgeschafft; bis 1972 Telephon für jede zweite Wohnung; 700 000 neue Autos pro Jahr ab 1975.

Die Wirklichkeit sieht freilich anders aus. Zum Beispiel die Wohnungsfrage, Schaut man genau hin, so läßt sich höchstens sagen, daß eine Million Menschen im letzten halben Jahr umgesiedelt wurden. – aus alten Wohnungen in etwas weniger alte. Immer noch muß ungefähr die Hälfte aller Moskauer Familien die Küche mit anderen teilen. Es gibt so viel Vergeudung, so viele Planungstorheiten. Zum Beispiel: zwei Häuserblocks mit "Versuchswohnungen" sind soeben fertiggestellt worden. Diese Wohnungen sind für Familien gedacht, haben aber keine Küchen und keine Badezimmer. Statt dessen gibt es auf jeder Etage gemeinsame Speise- und Duschräume. Was die Planer nicht bedachten, ist dies: daß man für die Gemeinschaftseinrichtungen soviel Bedienungspersonal braucht, daß nicht genug vermietbarer Raum übrigbleibt, um die Gebäude rentabel zu machen.

Sehr viel erhoffen sich die Russen von dem neuen Fiat-Werk in Togliattigrad, das 3,2 Milliarden Mark kosten wird. Der erste Wagen soll rechtzeitig zum nächsten Lenin-Geburtstag vom Fließband, rollen. Solange müssen sich die Russen noch mit ihren Moskwitsch- und Wolga Wagen helfen.

"Sich behelfen" müssen die Moskauer Autofahrer dauernd. Es gibt nie genug Ersatzteile, obwohl schon viele aus Helsinki herangeschafft werden. Dennoch dürfen sich die Besitzer dieser klappernden, unzuverlässigen Fahrzeuge glücklich schätzen. Allein in Moskau stehen über 100 000 Namen auf der Autowarteliste, und die Verteiler, sind jetzt gerade erst bei dem Kunden Nummer 8000 aus dem Jahr 1966 angelangt. Die Listen in den Provinzen sind sogar noch länger; es gibt Enthusiasten, die extra eine Reise nach Moskau machen, um ihren Namen auf die dortige Liste zu setzen.