Die Behörden tun gern so, als sei Moskau vollgestopft mit Autos und sie stünden vor ebenso schwierigen Verkehrsproblemen wie andere Großstädte auch. Um den Beweis dafür zu liefern, halten sie von Zeit zu Zeit den Verkehr in den Hauptstraßen für eine halbe Stunde an. Wenn sich die angestauten Wagenkolonnen dann wieder in Bewegung setzen, filmt ein Kameramann das damit verbundene "Verkehrschaos". Es ist schon niederdrückend, wenn man sieht, zu welchen Mitteln die Sowjetgesellschaft hier ihre Zuflucht nimmt, um die Exzesse des Westens nachzuahmen.

Zunächst einmal werden die Russen jedoch in eine neue, harte politische Konformität zurückgestoßen.

Und was immer auch sich in der Führung tun mag – in dieser Hinsicht wird sich schwerlich etwas ändern. In der Partei ist gegenwärtig-eine Säuberung im Gange. Intellektuelle Anpassung ist oberstes Gesetz. Ich weiß von mehreren Filmproduktionen, die schon halb fertig, waren und dann plötzlich eingestellt worden sind; ich habe auch von Büchern gehört, die nicht veröffentlicht werden, weil sie von der amtlichen Linie abweichen. Dies ist die politische Antwort des Kremls auf den tschechoslowakischen Durchbruch zur Gedankenfreiheit – und in dieser bedeutsamen Hinsicht gibt es heute in der Sowjetunion in der Tat eine Rückkehr zum Stalinismus.

Der aufsässige Generalmajor a. D. Pjotr Grigorenko, der lange für die "Demokratisierung" des Regimes gekämpft hat (und der dafür 14 Monate in einer Heilanstalt eingesperrt war und Anfang dieses Monats wegen Verleumdung des Systems verhaftet worden ist), sagte mir, daß seine Zukunftshoffnungen heute geringer seien als in den Tagen Stalins – weil die Intellektuellen sich auf sich selbst zurückgezogen hätten, und sich scheuten, ihre Meinung zu sagen, geschweige denn sie schriftlich zu formulieren.

Angst vor Verhaftung

Vor dem 21. August 1968 war es möglich, wiewohl nur begrenzt, mit russischen Intellektuellen zu reden und dabei auch einige Gemeinsamkeiten zu finden. Das ist vorbei. Ihre Stimmung ist so verbittert wie zuvor, vielleicht noch verbitterter, doch jetzt hüllen sie ihre Bitterkeit in Schweigen. Das Risiko, wegen abweichender Meinungen vor Gericht gestellt und zu Zwangsarbeit verurteilt zu werden, ist zu groß geworden. Überdies darf man nicht vergessen, daß auch die Kritiker noch überzeugte Kommunisten sind; der alte General Grigorenko hat mir das vor seiner Verhaftung einmal eindringlich klargemacht. Sie kritisieren die Haltung des Regimes, nicht seine raison d’être. Sie glauben, daß die gegenwärtige Kremlmannschaft die marxistischen Prinzipien verrät; diese Prinzipien jedoch werden von ihnen trotz allem nicht in Frage gestellt. Sie warten ab und hoffen, daß die Zeit Besserung schafft.

Uns mag diese Haltung an den Vogel Strauß erinnern; aber wir neigen auch dazu, die Risiken zu übersehen, die mit jeglicher Kritik verbunden sind, Ein einziges Beispiel mag das illustrieren: das des Atomphysikers Andrej D. Sacharow. Früher war er Chefberater der sowjetischen Atomenergiekommission, doch verlor er diese Stellung, nachdem er sein berühmtes Memorandum über den Weltfrieden (siehe, DIE ZEIT, Nr. 32/1968) veröffentlicht hatte – die Behörden rügten seine "liberalen Tendenzen". Später wurde ihm der Zugang zum Atomforschungszentrum Dubna verwehrt; jetzt ist er auch aus der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften ausgestoßen worden. Die Harten haben auf der ganzen Linie gesiegt.