In der Diskussion nach dem Handke-Abend beim Berliner Theaterwettbewerb wurde dem (nicht anwesenden) Autor auchder Vorwarf gemacht, seine Stücke hätten mit den Problemen der Arbeiter nichts zu tun.

In Hermann Piwitts "konkret"-Analyse der ZEIT wird der Wochenzeitung auch vorgeworfen, sie verschweige Arbeitern den Grund und die Ursachen ihres Elends. Piwitt: "Kein Massenblatt ermuntert die Massen, die Betriebe in die eigene Hand zu nehmen,, um kontrollieren zu können, wem ihre Arbeitskraft dient."

Alles schön und gut – aber die Berliner Siemens-Arbeiter. wären auch dann (noch) nicht das Publikum von Handkes Stücken gewesen, wenn diese die Arbeiterlage zum Thema hätten. Und die ZEIT betriebe Arbeiter-Aufklärung wohl ebenso virtuell, wie das "konkret" oder das Frankfurter Institut für Sozialforschung tut. Ja, es steht zu befürchten, daß auch Buselmeiers Aufsatz über die "Ruhrfestspiele" nicht vorwiegend in die Hände derjenigen gelangt, deren Interessen er zu vertreten meint. Und das, obwohl die Ruhrfestspiele das Etikett tragen, "Festspiele für Arbeiter" zu sein. Und das, obwohl wir das Heidelberger SDS-Mitglied Buselmeier eben aus diesem Grund baten, die Ruhrfestspiele für uns unter diesem Gesichtspunkt zu analysieren.

Es hat keinen Zweck, darum herumzureden: aber der Arbeiter, den sich die einen als Fetisch ihrer Bestrebungen, die anderen als Objekt einer geglückten Domestikation vorstellen, ist eine modellhafte Fiktion. Wie Habermas schreibt, ist "die Struktur der Bedürfnisse, die sich unter marktwirtschaftlichem Konkurrenzzwang in Jahrhunderten herausgebildet hat, längst auch auf eine integrierte Arbeiterschaft übertragen worden". So betrüblich das sein mag – insofern ist jede im Namen der wahren Interessen der Arbeiterschaft vorgebrachte Gesellschaftskritik ein ebenso schönes, wie unverbindliches Indianerspiel. Der Pariser Mai, der gerne als Gegenbeispiel angeführt wird, ist ja nicht, wie immer wieder gerne behauptet wird, unter de Gaulles Panzern zerbrochen, sondern daran, daß ein wirkliches Interessenbündnis zwischen Studenten und Arbeitern nur punktuell bestand.

Dennoch scheint es uns nicht nutzlos, Busel- – meiers Analyse zu drucken, weil sie die Kluft zwischen Phraseologie und Realität der Ruhrfestspiele ziemlich im Kern trifft. Selbst wenn man Buselmeiers Ausgangspunkt nicht teilen wollte – er fällt, doch, wohl unter das, was Habermas diefür Einzelheiten wenig nützliche "Globaldenunziation" nennt –, so wird das Elend eines bürgerlichen Festspieltheaters deutlich, das seinen eigenen Ansprüchen nicht mehr genügen kann und daher in das flüchtet, was sich in solchen Fällen immer anbietet: in das Gerede vom Reich der schönen Kunst.

Andererseits: so sehr Buselmeier in den theoretischen Forderungen davon ausgeht, was für ihn und den SDS sein sollte – sobald er konkret wird, läßt er als Gegenbeispiel Noeltes Fernseh-"Woyzeck" und Kortners "Leonce und Lena"-Aufführung sehr wohl gelten, beides Beispiele, deren Voraussetzungen durchaus nicht sozialistische Gesellschafts-Analysen waren.

Wer erwartet, die Lage der Arbeiter, ihr Selbstverständnis, sei durch Theateraufführungen zu revolutionieren und zu wecken, fällt im Grunde den gleichen Kurzschlüssenanheim, die da die Ruhrfestspielverantwortlieben glauben machen, sie würden die Kluft zwischen der immer noch bürgerlichen Kultur und den davon abseits gelassenen Arbeitern schließen können. Hellmuth Karasek