Am "Tag der Arbeit", dem 1. Mai 1969, wurde in Kalkutta eine "maoistische" kommunistische Partei gegründet. Somit gibt es in der indischen Bundesrepublik jetzt drei kommunistische Parteien. Als am 5. Mai in Neu-Delhi der gestorbene Staatspräsident Zakir Husain beigesetzt wurde, war der sowjetische Ministerpräsident Kossygin der höchstrangige ausländische Trauergast.

Diese beiden Tatsachen bestätigen wieder einmal die Prognosen der Indien-Experten: Die indischen Kommunisten spalten sich in Moskau-, und Peking-freundliche Richtungen, und die indische Regierung baut ihre Beziehungen zur Sowjetunion immer stärker aus. Mit den Hintergründen und Aussichten dieser merkwürdigen Entwicklung setzt sich das Wissenschaftler-Ehepaar Rothermund in neulich erschienenen wertvollen Einzelstudien auseinander:

Indira Rothermund: "Die Spaltung der Kommunistischen Partei Indiens – Ursachen und Folgen"; Schriftenreihe des Südasien-Instituts der Universität Heidelberg; Verlag Otto Harrassowitz, Wiesbaden 1969; 106 S. mit 4 Karten, broschiert 24,– DM

Dietmar Rothermund: "Indien und die Sowjetunion"; Forschungsberichte und Untersuchungen zur Zeitgeschichte, Nr. 23 der Arbeitsgemeinschaft für Osteuropaforschung, Tübingen 1968 (Auslieferung: Böhlau Verlag – Köln Graz); 128 S., 18,– DM

Frau Rothermund, gebürtige Inderin, stellt an Hand von überwiegend indischen Dokumenten und Büchern die Geschichte der kommunistischen Bewegung in ihrem Heimatland dar, und zwar stets vor dem Hintergrund nationaler und internationaler Entwicklungen. Die erste Kommunistische Partei Indiens (KPI) wurde im Oktober 1920 von indischen Emigranten auf sowjetischem Boden (Taschkent) gegründet. Diese Partei, die in der Vorkriegszeit keine bedeutende Rolle gespielt hatte, begann erst 1957, nach dem Wahlsieg im Bundesstaat Kerala, ein ernstzunehmender Faktor zu werden. Das Wechselspiel fremder Weisungen und parteiinterner Meinungsverschiedenheiten, zu denen die indisch-chinesischen Grenzkonflikte einen fatalen Beitrag leisteten, führte jedoch 1964 zur Bildung einer zweiten, "marxistischen" Kommunistischen Partei in Indien – KPI (M).

Während, die "rechts" stehende, KPI unter Führung von Dange die Unterstützung der Mehrheit der alten Parteiführung und der kommunistischen Parlamentsabgeordneten genoß, fand die "links"-orientierte KPI (M) unter Führung von Namboodiripad ihre Anhänger in der einfachen Schicht der alten Parteimitglieder, vor allem in Kerala, Andhra und Westbengalen.

Das Parteiprogramm der KPI machte sich den sowjetischen Begriff "Nationaldemokratie" zu eigen, während in dem der KPI (M) von der chinesischen "Volksdemokratie" als Vorbild die Rede war. Das ist eine subtile Unterscheidung, die nicht einmal von den Sowjets, die den Ausdruck "Nationaldemokratie" Anfang der 60er Jahre prägten, konsequent eingehalten wird. Beide Begriffe sollten jedoch als eine Übergangsstufe zum Kommunismus verstanden werden.